Als der Mörder anrief, stand die junge Mutter und Wissenschaftlerin Jo-Ellan Dimitrius gerade in ihrer Küche. Er hatte über die Los Angeles Times vom Thema ihrer Promotion erfahren –„Die repräsentative Jury – Fakt oder Fiktion“ – und von einem Privatdetektiv ihre Telefonnummer ermitteln lassen. Zunächst hielt sie ihn für einen Anwalt. Tatsächlich rief Robert Stansbury aus dem Gefängnis an. Er blickte bereits auf eine jahrzehntelange kriminelle Karriere mit Entführung, Vergewaltigung und Mord zurück. Stansburys aktuelles Vorgehen: Mittels seines Eiswagens hatte er Kinder und Frauen im Visier. In diesem Fall war die 10-jährige Robyn Jackson das Opfer seines Versprechens auf ein kostenloses Eis geworden. Er hatte sie in sein Fahrzeug gelockt, vergewaltigt, geschlagen, noch lebend in die Gefriertruhe gelegt und später in einen Kanal geworfen. Der intelligente Täter verfügte über profunde prozessuale Erfahrung, wollte sich selbst verteidigen und hatte bereits eine Strategie. Er bat Dr. Dimitrius, die Soziologie, Psychologie und Kriminologie studiert hatte und gerade als Dozentin an der California State University Los Angeles tätig war, um Unterstützung bei der Auswahl der Jury. „Das war eine sehr schwere Entscheidung für mich“, sagt die Pionierin der Juryberatung. „Dennoch leitet mich bis heute die Maxime, dass jeder Mensch ein Anrecht auf einen fairen Prozess hat… dazu möchte ich beitragen. Gerade bei Kapitalverbrechen steht viel auf dem Spiel.“ Dieser Anruf sollte zu ihrem beruflichen Wendepunkt werden: Analystin im Gerichtssaal statt Theoretikerin im Hörsaal. Bereits ein Jahr später, 1995, befand sie sich im Zentrum des „Trial of the Century“, dem Doppelmordprozess gegen den NFL-Star und Schauspieler O.J. Simpson. Dieser gilt als einer der prominentesten Strafprozesse in der US-Geschichte und machte Dimitrius berühmt. Die Beweislast gegen Simpson schien absolut erdrückend. Sein Anwalt hatte von Dimitrius gehört und bat die Leiterin des dortigen Büros von FTI (Forensics Technologies International, heute FTI Consulting), die Juryauswahl vorzunehmen. Hier kam ihr wissenschaftlicher Ansatz ins Spiel: Sie ermittelte anhand von Fokus-Gruppen, welche Jury-Mitglieder am ehesten zu der Seite des Angeklagten tendieren würden. Ihre Analyse der idealen Geschworenen, des „Dream Team“, deutete auf schwarze Frauen über 30 mit höchstens High-School-Abschluss. Während der Befragungen, des sogenannten Voir-dire-Vorgangs, analysierte sie Antworten und Körpersprache der Kandidatinnen und Kandidaten. Und die Auswahl gab ihr recht: Entgegen aller Erwartungen wurde Simpson freigesprochen. Dimitrius‘ Herangehensweise prägte die Praxis der wissenschaftlichen Jury-Auswahl, sie avancierte zum Standard in vielen großen Prozessen. Ihr Buch „Reading People“ („Der erste Blick“) wurde ein New York Times-Bestseller. Das American Lawyer Magazine bezeichnete sie als „The Seer“ aufgrund ihrer hohen Erfolgsquote mit präziser Prognostik in vielen der spektakulärsten Kapitalverbrechens- und Wirtschaftsprozesse der letzten Jahrzehnte. „Die Voraussage des Verhaltens von Geschworenen, Angeklagten, Anwälten und Richtern in Strafprozessen ist einerseits Wissenschaft, andererseits Kunst“, sagt Dimitrius. „Man kann von einer Mischung aus Systematik, Beobachtungsvermögen und Erfahrung sprechen, kombiniert mit ein bisschen Begabung.“ Letztere dürfte ihr in die Wiege gelegt worden sein, denn Dimitrius‘ Vater und Großvater waren Anwälte; beide Eltern trugen deutsche Nachnamen.
Schatten-Jurys und Mock-Trials
Ihre Doktorarbeit hatte die Benachteiligung von Minderheiten bei der Juryauswahl zum Thema. Bis zum Fall Batson vs. Kentucky (1986) konnten Anwälte mittels „Peremptory Challenges“ Geschworene ohne Begründung ablehnen, was in Streitfällen mit schwarzen Angeklagten oft zu deren Nachteil war. Später entschied der Supreme Court, dass dieses Verfahren gegen den 14. Zusatz der US-Verfassung verstieß. Seitdem sind nicht-rassistische, neutrale Begründungen für den Ausschluss von Geschworenen zu nennen, sogenannte „Challenges for Cause“ (Batson-Regel). Das bedeutete eine Modernisierung des Common-Law-Systems, des Gerichtsmodells mit Geschworenen: Angeklagte sollten, wie in der Magna Charta festgelegt, möglichst unvoreingenommen über ihre „Peers“ urteilen. Bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert hatten sich US-Anwälte bemüht, Geschworene anhand von zuvor ermittelten Informationen strategisch auszuwählen. Die Professionalisierung des psychologischen Profilings nahm in den 1980er-Jahren Fahrt auf, die „Scientific Jury Selection“ (SJS) systematisierte psychologische und soziologische Methoden. Dass Anwälte mit dieser Beratung im Rücken erfolgreicher sind, erklärt die starke Zunahme der Jury Consultants in den USA. Die Ausbildung ist bisher nicht staatlich geregelt. Die American Society of Trial Consultants (ASTC) hat inzwischen mehr als 400 Mitglieder, landesweit gibt es um die 2000 Jury-Beraterinnen und Berater. Sie kommen aus unterschiedlichen Berufsfeldern: Psychologie, Soziologie, aus der Kommunikationsbranche. „Immer wieder melden sich Strafverteidiger in unserem Büro, die ihre Erfahrung in einem ad hoc weniger strapaziösen Fach wie der Juryberatung einbringen wollen,“ erklärt Dimitrius. „Sie fürchten das Risiko von Herzinfarkten, Schlaganfällen und Magengeschwüren, welches ihr Beruf häufig mit sich bringt.“ Jury-Beratung umfasst neben Schatten-Jurys (parallel zum Verfahren) auch Themen wie Probe-Verhandlungen, sogenannte Mock Trials (vor dem Verfahren). Sie dienen dazu, die Stärken und Schwächen der Argumentation der Verteidigung zu testen. So war es im Fall Kyle Rittenhouse. Der 17-Jährige hatte im Zuge der BLM-Proteste in Kenosha zwei Angreifer erschossen und einen weiteren schwer verletzt. Dimitrius resümiert: „Dieser kontrovers diskutierte Fall erregte internationales Aufsehen und der Jury-Auswahl kam extrem viel Bedeutung zu. In zwei Mock Trials eruierten wir, ob es sinnvoller sein würde, wenn Rittenhouse persönlich aussagte. Seine Authentizität beeindruckte die Probe-Jury, so dass wir uns zu dieser Variante entschieden. Das war – neben Videoaufnahmen der Angriffe – letztlich prozessentscheidend.“ Ein weiterer Aspekt der psychologischen Beratung zeigt sich bei Schiedsverfahren: Von der Auswahl der richtigen Schiedsrichter kann ebenso viel abhängen wie von einer professionellen Begleitung der Zeugen, bestätigt Dr. Dimitrius, die vor wenigen Monaten bei einem Fall in Wien beriet. Zu der Kritik am Jury-Consulting gehört, dass wohlhabende Kläger oder Beklagte sich die besten Berater leisten können und so die Balance zwischen strategischer Auswahl und fairer Justiz gefährdet wird. Dimitrius wehrt das Argument ab: „Sowohl im Fall Rittenhouse als auch in dem prominenten Fall State v. Daniel Penny (2024) wurde das Honorar für Verteidigung und Prozessberatung weitgehend durch Crowdfunding finanziert. Beide Fälle endeten für meine Klienten mit Freispruch.“
„Natürlich gibt es AI-gestützte Prozess-Copiloten, die die Analyse vereinfachen. Aber die Analyse der Menschen im Gerichtssaal wird immer bleiben.“
Dr. Jo-Ellan Dimitirus, Jury-Beraterin, Mediatorin, Autorin.
Sie entwickelte das Jury-Profil im Fall O.J. Simpson.
Hintergrundwissen als Schlüsselkomponente
Weil das deutsche Rechtssystem keine Geschworenengerichte kennt, hat das Psychologische Profiling in Deutschland eine andere Bedeutung als in den USA. Jedoch spielen auch hier bei schweren Delikten Schöffengerichte eine Rolle. Die Auswahl der Schöffen aus der Bevölkerung folgt einem festgelegten Verfahren, Anwältinnen und Anwälte haben keinen Einfluss. Besonders für Strafverteidiger ist von Bedeutung, die Dynamik von Schöffengerichten aufgrund von psychologischen und soziologischen Erkenntnissen zu verstehen und für ihren Fall nutzbar zu machen, beispielsweise durch die Betonung emotionaler oder moralischer Aspekte. Für die Arbeit von Strafverteidigern, Staatsanwälten und forensischen Psychologen wird das Psychologische Profiling zunehmend wichtiger. Nicht, weil man jeden Trend aus den USA kopiert, sondern weil Hintergrundwissen eine Schlüsselkomponente zum Prozesserfolg ist. Wie kann man die Persönlichkeitsstruktur eines Angeklagten verstehen, wie lässt sich seine Glaubwürdigkeit vor Gericht stärken? Forensische Psychologen sind in komplexen Fällen (Sexualdelikte, Tötungsdelikte) von Bedeutung, sie erstellen Gutachten zu Tatmotiv, Schuldfähigkeit und Rückfallgefahr. Aber auch in Zivilverfahren kann es sinnvoll sein, sich ein Bild aller Beteiligten zu machen. Die Einschätzung von Richterinnen und Richtern, die Kenntnis der Dynamik der Entscheidungsfindung sowie der Interaktion im eigenen Team kann Richtungsfehler vermeiden und beim Aufbau einer Verteidigungs- bzw. Prozessstrategie entscheidungsrelevant sein. Nicht zu unterschätzen ist ebenfalls die Vorbereitung und Begleitung von Prozessbeteiligten, da sie oft stark unter Druck stehen. Auch die Präsentation eines Falles kann erfolgversprechender gestaltet werden, wenn man die Beteiligten besser versteht, an die sie adressiert ist. Die Nutzung dieser Möglichkeiten ist jedoch meist informell und wird vertraulich gehandhabt.
Freispruch trotz Schuldbeweis: Jury Nullification
„Let’s get some altitude“ ist der Wahlspruch von Jo-Ellan Dimitrius vor jedem neuen Verfahren. Die Pilotin ist Perfektionistin, aber auch Pragmatikerin. Zunächst also ein Überblick, wie sie ihn in ihren weit mehr als 1.000 Gerichtsverfahren gewonnen hat. Nach der Auswahl von über 700 Geschworenen, nach der Bewertung von mehr als 10.000 Kandidaten, Zeugen, Anwälten und Richtern weiß sie, dass sie jeden neuen Fall so gründlich wie irgend möglich vorbereitet. Aber trotz ihrer erstaunlichen Fähigkeit, das Verhalten anderer Menschen zu prognostizieren, sie weiß auch, dass es immer wieder Irrtümer gegen kann, auch sie hat eine Fehlerquote von 25 Prozent. Sie kennt alle Seiten: Dimitrius hat Staatsanwälte unterstützt wie im legendären Enron-Fall, der Stadt New York wegen verschmutzten Wassers zu einem Schadensersatz in Höhe von 100 Millionen Dollar von Exxon verholfen und dem Filmproduzenten Francis Ford Coppola zu 80 Millionen Dollar von Warner Brothers. Und die Zukunft des psychologischen Profilings? „Natürlich gibt es AI-gestützte Prozess-Copiloten, welche die Analysen vereinfachen“, kommentiert Dimitrius. „Aber die Analyse der Menschen im Gerichtssaal wird immer bleiben: Wie man Poison Pills – vorurteilsbehaftete Juroren – identifiziert, mit welchen Geschworenen man auf eine Hung Jury, einen Prozessabbruch, hinarbeitet, oder auf eine Jury Nullification, einen Freispruch trotz Schuldbeweis: Das sind strategische Entscheidungen, die Anwälte am besten in Zusammenarbeit mit Jury-Beratern fällen können.“ Nicht immer geht es so dramatisch zu wie in den Filmen „Die 12 Geschworenen“ oder „Runaway Jury“, aber das Ziel bleibt: eine möglichst gerechte Entscheidung. Und was wurde aus dem Mörder und seiner Verteidigungsstrategie? Robert Stansbury glaubte an den Erfolg von Reverse Psychology, bei der man das Gegenteil von dem sagt, was man will. Er plädierte auf „schuldig“. Und rechnete damit, dass die Jury ihm widersprechen würde. Die Jury jedoch, ganz unpsychologisch, gab ihm völlig recht und verurteilte ihn einstimmig zum Tode.
■ Dr. Claudia Leudesdorff
