Immer neue Veränderungen bei Rechtsgrundlagen, Marktbedingungen und Technik sind heute die Norm. Den Einen ärgert’s, den Anderen freut‘s, denn die Unternehmen müssen sich zähneknirschend anpassen und den Rechtsanwaltskanzleien winken neue Aufträge. „Die DSGVO war auf nationaler Ebene das größte Regulierungswerk der vergangenen Jahre, das war damals für alle unglaublich viel Arbeit“, sagt Dr. Philip Kempermann, Managing Partner bei Heuking in Düsseldorf. „Das ist inzwischen bei der Einführung neuer Regulierung deutlich weniger geworden, weil die Unternehmen routinierter geworden sind und bei Bedarf auch mit IT-Unternehmen und Unternehmensberatungen zusammenarbeiten“, erläutert der Anwalt. Und fügt hinzu, dass seine Mitarbeiter bei Regulierungs-Fragen teilweise nur noch mit dem juristischen Qualitätscheck beauftragt werden. Dass die zunehmende Regulatorik ein treibender Faktor bei der künftigen Zusammenarbeit zwischen Unternehmensjuristen und Rechtsanwälten sein wird, bestätigt auch Markus Fuhrmann, Partner bei KPMG-Law im Bereich Legal Operations Consulting & Legal Managed Services. Für ihn spielt dabei die Geopolitik eine entscheidende Rolle, weil sie oft der Auslöser für die Verabschiedung neuer Vorschriften in der EU, aber auch in den USA oder China ist. „Wir merken es allein schon durch die Zunahme an Anfragen aus aller Welt zu Geopolitik und Regulatorik, das heißt die Unternehmen wünschen sich von uns vermehrt ein globales Monitoring zu bestimmten Themen“, sagt Fuhrmann. „Die Kanzleien werden diesen Service immer mehr zur Verfügung stellen, denn ich sehe Legal-Tech-Anbieter aktuell noch nicht so weit, um das unternehmensspezifisch, übergreifend und global anbieten zu können“, erläutert der Jurist und Wirtschaftsingenieur. Ob Menschenrechte, Antitrust, Geldwäsche, Antikorruption und andere Themen – ein weltweites Monitoring dazu industrieübergreifend aufzubauen ist eine Aufgabe, die große Kanzleien, mit Unterstützung durch Legal Tech, für Unternehmen leisten können. Den Grund für diese Entwicklung nennt Myriam Baars-Schilling, Partnerin bei Oppenhoff in Köln. „Die Rechtsabteilungen haben limitierte personelle Ressourcen, mit denen sie die ganzen regulatorischen Entwicklungen gar nicht mehr abdecken können“, sagt die Rechtsanwältin. Es gibt zwar oft die notwendigen Spezialkompetenzen, aber die Menge an Aufgaben wird immer größer. „Deshalb sehen wir momentan einen Anstieg an Beratungsbedarf der Rechtsabteilungen bei wichtigen oder überraschend auftauchenden Transformationsthemen“, erklärt Baars-Schilling. Das gilt auch für Compliance-Themen, die zunehmend an Wirtschaftskanzleien herausgegeben werden. Das erfordert von diesen Kanzleien natürlich, künftig mehr Anwälte mit dem erforderlichen Spezialwissen auszustatten oder einzustellen. Im Grunde sind es die Kanzleien, die doppelt auf die Ausweitung von Regulatorik und Compliance reagieren müssen. „Unsere Kanzlei ist als Unternehmen genauso davon betroffen wie die Kunden, die wir beraten“, sagt Dr. Christian Wolf, Geschäftsführender Partner in der Kanzlei Görg in Köln. Die ESG-Kriterien sowie die damit verbundenen Berichterstattungspflichten haben sich zuletzt ebenfalls deutlich erweitert. Und vor drei Jahren wurde erst das Berufsrecht der Anwälte selbst stark reformiert. „Die Bundesrechtsanwaltsordnung, die unsere Rechte und Pflichten gegenüber Mandanten und Dritten festlegt, ist konsequent einzuhalten. Die Rechtsanwaltskammern überwachen das nach unserer Wahrnehmung heute intensiver als früher“, erläutert der Rechtsanwalt.
Den Kanzleien wird die Arbeit trotzdem nicht ausgehen, denn je spezieller die Aufgaben sind, desto geringer wird der KI-Einsatz möglich sein.
Dr. Christian Wolf,
Geschäftsführender Partner,
Görg
Digitalisierung, Legal Tech und KI werden den Kanzleien Arbeit abnehmen
Diese Herausforderungen werfen ein neues Licht auf die rasante Weiterentwicklung von Legal Tech und KI in den vergangenen Jahren. Die Frage ist, wer mehr davon profitieren wird. Hier weist Markus Fuhrmann auf einen klaren Vorteil der Unternehmensjuristen hin. „Es sind nicht, wie oft angenommen wird, die Kanzleien, die mehr und schneller in KI-Tools investieren, sondern die Rechtsabteilungen“, sagt Fuhrmann. Er verweist dabei auf eine kürzlich veröffentlichte Studie die aufzeigt, dass die Rechtsabteilungen gerade dabei sind, die Kanzleien bei der Anwendung, Fokussierung und Investition in KI-Lösungen zu überholen. Natürlich sind im Rahmen dieser Entwicklung die üblichen Lernkurven erforderlich, aber KI wird bleiben. Eine Entwicklung, die Kempermann durchaus als Chance sieht. „Natürlich gibt es auch Risiken durch den Wegfall einfacherer Aufgaben, aber das ist eher eine Gefahr für kleinere Kanzleien“, meint der Rechtsanwalt bei Heuking. Für die großen Kanzleien rücken nicht genügend Rechtsanwälte nach, während die Arbeit weiter zunimmt. „Wir werden die Unterstützung durch die Technik brauchen, um unsere Aufgaben zukünftig noch erfüllen zu können“, erklärt Kempermann. Dabei können sich die Anwälte künftig auf die wichtigen und schwierigeren Fragen ihrer Mandanten und Projekte konzentrieren, weil die einfacheren Dinge weitestgehend von der KI gelöst und nur noch kontrolliert werden. Dafür benötigt man dann deutlich weniger menschliche Ressourcen als bisher. Bei Oppenhoff sieht man die Entwicklung der KI und ihre Folgen für die Zusammenarbeit mit Unternehmensjuristen ganz ähnlich. „Der Mandant der Zukunft wird aufgrund der Fülle der Aufgaben mehr Beratung in komplexen und wichtigen Themen benötigen“, sagt Myriam Baars-Schilling. Die Aufgaben, die sich automatisieren lassen, wird die KI übernehmen und von Unternehmensjuristen schon aus Kostengründen nicht mehr an externe Kanzleien herausgegeben. „Zugleich werden auch die Anforderungen der Mandanten an die Effizienz der Kanzleien zunehmen, das heißt die Aufgaben müssen schneller und kostengünstiger erfüllt werden“, ist sich Baars-Schilling sicher. Ob das klassische Stundensatzmodell auch in Zukunft noch die Hauptrolle spielt, ist fraglich. Sie plädiert für eine gemeinsame Lösung von Rechtsabteilung und Kanzlei, wie man in Zukunft die Arbeit vergütet. Das betrifft vor allem die jungen Anwälte. Sollten auf KI basierende Tools künftig tatsächlich nennenswerte Arbeitsanteile übernehmen, was bedeutet das für deren Karriere und Vergütung? Früher wurden junge Anwälte zu Beginn ihrer Karriere genau mit den Aufgaben vertraut, die schon bald die KI übernimmt. „Wenn zum Beispiel ein Investor früher ein Immobilienportfolio erwerben wollte, dann mussten zum Teil hunderte von Mietverträgen von zahlreichen, meist jungen Anwälten entsprechend geprüft werden, während das heute schon weitgehend mit Legal Tech gemacht werden kann“, erläutert Christian Wolf von der Kanzlei Görg. Due Diligence bei M&A-Transaktionen wird ebenfalls weitgehend automatisiert werden können, weil entsprechend trainierte KI einfach viel schneller riesige Datenmengen kontrollieren kann. „Den Kanzleien wird die Arbeit trotzdem nicht ausgehen, denn je spezieller die Aufgaben sind, desto weniger wird menschliches Denken durch KI-Einsatz ersetzt werden können“, sagt der Managing Partner. Dabei geht es beispielsweise um Ermessensentscheidungen und wirtschaftliche Fragen, die eine KI zwar juristisch korrekt, aber unter Umständen falsch im Sinne des Unternehmens beantwortet. Das Problem besteht darin, künftig die angehenden Kanzleianwälte mit passenden Aufgaben auf ihre juristische Arbeit vorzubereiten. „In spätestens fünf Jahren wird es ohne entsprechende Kenntnisse und Skills bei Legal Tech und KI-Tools nicht mehr gehen“, mahnt Wolf.
Mit der Unterstützung durch die Technik können wir Standard-Aufgaben zukünftig effizienter erfüllen und uns auf komplexe Fragestellungen konzentrieren.
Dr. Philip Kempermann,
Managing Partner,
Heuking
Gut gegen Fachkräftemangel – Rechtsabteilungen und Kanzleien werden sich fachlich breiter aufstellen
Ein Feld, auf dem der jetzt schon bestehende Wettbewerb zwischen beiden Seiten bestehen bleiben wird, ist die Gewinnung von Fachkräften. Die Wahl zwischen Gehalt und Work-Life-Balance sieht Philip Kempermann dabei kritisch. „Wer im Beruf Erfolg haben will, wie immer man ihn auch definiert, wird auch in Zukunft dafür hart arbeiten müssen“, sagt der Rechtsanwalt. Das heißt vor allem, Zeit zu investieren. Er sieht weiterhin junge Juristen, die für die ersten Jahre in einer Kanzlei einsteigen, weil die Arbeit spannend und die Bezahlung sehr gut ist. Allerdings wandern von denen viele später in Unternehmen ab, um etwas Neues auszuprobieren oder Arbeit und Familienleben leichter zu koordinieren. Wechsel von Rechtsabteilungen in Kanzleien seien dagegen viel seltener, bedauert Kempermann. „Das liegt daran, dass eine Karriere in einer Großkanzlei von manchen Kandidaten kritisch gesehen wird, vor allem wegen der Arbeitsbelastung sowie der teilweise schnell und unter hohem Druck zu bewältigenden Aufgaben“, räumt Christian Wolf ein. Viele Kanzleien haben in den letzten Jahren zahlreiche Modelle entwickelt, um den Wünschen ihrer möglichen neuen Mitarbeiter so weit wie möglich entgegenzukommen. Dennoch lassen sich bestimmte Rahmenbedingungen nicht völlig ausblenden. „Wir arbeiten permanent daran, die Arbeitsbedingungen noch weiter zu verbessern, doch es gibt strukturelle Grenzen, weil die Arbeit in den Rechtsabteilungen meist aus der Unternehmensstruktur heraus entsteht, während sie in der Kanzlei aus dem Markt kommt“, sagt der Rechtsanwalt von Görg. Das sieht auch Myriam Baars-Schilling so. „Wer einen Nine-to-Five-Job anstrebt, ist in einer Wirtschaftskanzlei sicherlich nicht gut aufgehoben, denn wir sind nun einmal Dienstleister und richten uns nach den Wünschen und Anforderungen unserer Mandanten“, sagt die Partnerin bei Oppenhoff. Statt von Work-Life-Balance zu sprechen, verwendet sie lieber den Begriff Flexibilität. Die versucht die Kanzlei ihren Mitarbeitern zu bieten, verweist aber auch auf das Problem, dass sich das nur umsetzen lässt, wenn die Mandanten es zulassen. Was den Kanzleien bei der Suche nach Fachkräften jedoch in die Karten spielen könnte, ist die Entwicklung des Anteils der Anwälte in den Rechtsabteilungen der Unternehmen. „Heute sind ungefähr 85 Prozent der Mitarbeiter dort tatsächlich Anwälte, doch sollte sich KI in dem zu erwartenden Ausmaß durchsetzen, dann könnten es künftig nur noch 50 Prozent sein“, erläutert Markus Fuhrmann. Die andere Hälfte könnte aus IT-Experten, Prozess- und Strategieberatern bestehen. „Das erweitert nicht nur den Talent-Pool für die Rechtsabteilungen, sondern dürfte auch die Personalkosten senken und den Fachkräftemangel verschieben“, sagt der Partner von KPMG Law. Was bleibt, ist die Aufgabe, die jungen Anwälte so auszubilden, dass sie die künftigen Herausforderungen bewältigen können. Das beginnt mit der Fähigkeit, die Ergebnisse der KI künftig kontrollieren und bewerten zu können.
Mehr Fokus auf die Wirtschaftlichkeit der eigenen Arbeit
Legal-Tech- und KI-Tools verlangen allerdings hohe Investitionen. Diese Kosten müssen an anderer Stelle gespart werden. „Die Budgetorientierung bei den Mandanten ist deutlich gestiegen und damit die Notwendigkeit, Rechtsberatung in Budgets einzusortieren“, sagt Kempermann. Das bedeutet für die Kanzleien, vermehrt ihre Arbeit zu kalkulieren und den Mandanten die Kosten mitzuteilen. „Es wird künftig einen deutlichen Unterschied zwischen einer qualitativ anspruchsvollen Rechtsberatung geben, bei der neue Lösungen entstehen, und Aufgaben, die mit entsprechenden Tools viel schneller erfüllt werden können“, erläutert der Managing Partner bei Heuking. Wie sehr sich der steigende Kostendruck am Ende auf das Honorar auswirkt, ist vor allem eine Frage der Verhandlungsmacht, weiß Christian Wolf. „Die hängt von zwei Faktoren ab: erstens wie viele geeignete Anbieter es für das im Raum stehende Rechtsproblem gibt, und zweitens, wie groß der Handlungsdruck des Mandanten ist“, sagt der Anwalt. Je spezieller das Rechtsgebiet und je dringlicher das Problem, desto geringer ist in der Regel der Spielraum für Preisnachlässe. Die Kehrseite der Medaille sind die eigenen Kanzleikosten. „Wer als Wirtschaftskanzlei mit zwei Standorten in Frankfurt und Köln über begrenzte finanzielle und personelle Mittel verfügt, geht neue, kreative Wege, in dem er beispielsweise nicht die teuersten Standard-Systeme am Markt einkauft, sondern maßgeschneiderte Lösungen mit Start-ups entwickelt“, sagt Baars-Schilling. Wichtig ist, dass man agiert, etwa bei der Aus- und Weiterbildung von Mitarbeitern beim Umgang mit KI-Tools. „Weil all die genannten Veränderungen die Bepreisung rechtsanwaltlicher Leistungen komplizierter machen, dürfte sich gerade für klassische Anwaltskanzleien immer öfter die Frage aufdrängen, ob sie in Köpfe oder in KI investieren“, blickt Markus Fuhrmann in die Zukunft der Kanzleien. Weil die Mandanten immer öfter den KI-Einsatz erwarten, dürfte die Antwort klar sein.
■ Christoph Neuschäffer
