Bei der Auswahl des passenden Large Language Models (LLM) zur Nutzung von KI in der Rechtsabteilung verhält es sich wie bei der Auswahl eines guten Anzugs für den Juristen: Während den einen ein gutes Modell von der Stange genügt, bevorzugen die anderen den perfekten Maßanzug. Der Vorliebe geht die Auswahl des passenden Herrenoberbekleiders voraus, denn Anzüge von der Stange gibt es in vielen Modekaufhäusern, Maßanzüge erfordern dagegen einen guten Schneider. Was die Entwicklung von Rechts-KI betrifft, so entsprechen die am Markt etablierten LLM wie ChatGPT von OpenAI, CoPilot von Microsoft oder Grok von xAI dem Anzug von der Stange. Das Berliner Start-up Xayn, das demnächst in die Noxtua SE umgewandelt wird, bietet hingegen mit seiner Lösung Noxtua den Maßanzug, der vom ersten Entwurf bis zur Auslieferung auf Figur geschneidert wird. „Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie man KI für den Rechtsbereich nutzen kann“, sagt Clemens Hufeld, Vice President Legal Data bei Noxtua. „Die eine besteht in der Nutzung von allgemein zugänglichen KI-Assistenten wie ChatGPT oder CoPilot, um dort rechtsrelevante Fragen zu stellen“, erläutert der Legal-Tech-Experte. „Eine zweite ist die Nutzung einer Programmierschnittstelle, um mit den LLM zu interagieren, und eine dritte liegt darin, selbst ein entsprechendes Basismodell zu trainieren.“ Bei Noxtua ist man von Anfang an einen vierten Weg gegangen. „Wir haben mit den etablierten Anbietern und amerikanischen Großrechnern nichts zu tun, sondern das von uns entwickelte Modell läuft ausschließlich auf deutschen und europäischen Servern und ist mit unbedenklichen Rechtsdaten aus diesen Ländern trainiert“, betont Hufeld die Souveränität des eigenen Modells. „Die Leistungsfähigkeit eines Rechts-KI-Modells hängt maßgeblich von der Qualität und Quantität der Daten ab, mit denen es trainiert wird“, bestätigt Dr. Constantin Rehaag, M.A., Partner und Europe Co-Head der Praxisgruppe Intellectual Property, Data and Technology bei Dentons. Dabei stößt man sehr schnell mit dem geistigen Eigentum und dem Urheberrecht zusammen, und zwar sowohl auf der Input- als auch der Output-Seite von KI-Modellen. „Deshalb ist für uns ein proprietäres Tool wie Noxtua, das mit rechtlich unbedenklichen Daten trainiert wird, entscheidend wichtig“, sagt Rehaag und verweist auf ein Urteil des LG Hamburg vom September 2024 zur Zulässigkeit des Data Scraping, also des Extrahierens von Output aus anderen Programmen, für das Training von KI-Modellen. Zwar wurde in diesem Fall die Klage eines Fotografen gegen die Nutzung eines seiner Fotos abgewiesen, aber nur, weil es sich bei dem Beklagten um eine nicht-kommerzielle Forschungsorganisation handelte. Das Thema Text- und Data-Mining-Schranken dürfte künftig noch öfter die Gerichte beschäftigen. Ein weiterer Sicherheitsaspekt dürfte die Anwender beruhigen: Die verwendeten und gespeicherten Daten verlassen nie die Server von Noxtua. Die Unabhängigkeit von den US-Tech-Giganten gewährleistet, dass der Zugriff auf die von Noxtua verwendeten Daten nicht einfach per Executive Order eines US-Präsidenten oder durch eine Unternehmensentscheidung abgeschaltet werden kann. Diese Vorteile dürften der Grund dafür gewesen sein, dass im April 2025 weitere wichtige Investitions- und Kooperationspartner im Rahmen einer Series-B-Investitionsrunde mit 80,7 Millionen Euro bei Noxtua eingestiegen sind. Neben dem C.H.Beck Verlag als führendem Investor beteiligten sich der High-Performing-Computingspezialist Northern Data, die Wirtschaftskanzlei CMS sowie die internationale Kanzlei Dentons.
„Je mehr ein Jurist über sein Fachgebiet weiß, desto einfacher wird es für ihn sein, die richtigen Prompts zu formulieren und die Richtigkeit und Qualität der Antworten einzuschätzen.“
Dr. Constantin Rehaag,
Partner,
Dentons
Datenqualität ist entscheidend
Unternehmensjuristen und Kanzleien interessiert natürlich vor allem, für welche Rechtsgebiete und Aufgaben eine spezielle Rechts-KI wie Noxtua am besten geeignet ist. „Grundsätzlich gibt es kein Rechtsgebiet, in dem KI nicht genutzt werden könnte“, erklärt Clemens Hufeld. Der entscheidende Punkt sei die dafür jeweils zur Verfügung stehende Datenbasis: „Je höher die Qualität und Menge der vorhandenen Daten, desto besser ist das Ergebnis, das man bei einer Anfrage erwarten kann.“ Die Grenzen setzt für ihn nicht das KI-Modell, sondern die vorhandenen Daten. Bei juristischen Tätigkeiten sieht Hufeld, völlig unabhängig vom Fachgebiet, drei typische Aufgaben: Informationen aufnehmen, sie zu verarbeiten und in einer bearbeiteten Form wieder auszugeben. Bei allen drei Aufgaben kann Noxtua eingesetzt werden. „Die eigentliche Schwierigkeit bei der Verwendung von KI-Tools besteht in der unglaublichen Vielfalt an Tätigkeiten, die sich hinter den zahlreichen juristischen Berufsfeldern verbirgt“, weiß Hufeld, der als Jurist und Computer-Linguist die Schnittstelle von Jura und KI bestens kennt. Neben den Investitionen der jetzt neu eingestiegenen Partner sind es vor allem deren Daten, die Noxtua künftig noch besser befähigen werden, Rechtsaufgaben lösen zu können. „Die Nutzer von Noxtua profitieren davon, dass die KI von Anfang an mit juristisch aufbereiteten Trainingsdaten entwickelt wurde – und wir werden diesen Input auch in Zukunft einbringen“, verspricht Dr. Martin Vorsmann, Managing Partner bei CMS. „Das ist aus meiner Sicht das Unterscheidungsmerkmal von Noxtua gegenüber den allgemeinen Large Language Models, das es für den Rechtsmarkt so interessant macht“, fügt Rehaag hinzu. Mit dem bei Juristen fest verankerten C.H.Beck Verlag sowie zwei Wirtschafts- und Rechtskanzleien eröffnen sich weitere Zugriffsmöglichkeiten auf rechtsspezifische Daten und Dokumente, die unbedenklich genutzt werden können. In der Praxis hat sich die im Februar 2024 eingeführte Rechts-KI Noxtua aus seiner Sicht bereits bewährt. Im Grunde gibt es für die Juristen zwei Betriebsmodi: Research und Review and Draft. Research hilft, Informationen zu speziellen Themen schneller zu finden. „Im Bereich Research ist Noxtua ein fantastisches Tool“, bestätigt Rehaag. „Mit den jetzt hinzugekommenen Datensätzen wird es noch einmal einen Sprung nach vorn geben“, sagt der Fachanwalt für gewerblichen Rechtsschutz. Allerdings werde mit der schnelleren und besseren Recherche dank KI ein gewisser Verlust an Arbeitsplätzen für junge Associates und Mitarbeiter einhergehen, die das bisher übernommen haben. Review und Draft helfen bei der Aufsetzung und Bearbeitung von Dokumenten. „Das dürfte bei einem sehr komplexen Schriftsatz im Bereich Patentrecht noch schwierig sein, aber wenn es um einzelne Klauseln in Lizenzverträgen geht, ist das schon sehr hilfreich“, erläutert Rehaag. Die Chance für die Juristen besteht darin, künftig mehr Zeit für kreative und strategische Aufgaben zu haben, denn die werden weiterhin von Menschen erfüllt werden. Hinzu kommt, dass das Rechtswesen mittlerweile ebenfalls vom Fachkräftemangel betroffen ist. So geht es gar nicht so sehr darum, ob KI potenziell Arbeitsplätze überflüssig macht, sondern mehr um die Frage, wie viel KI übernehmen kann, um den steigenden Fachkräftemangel bei gleichzeitig steigender Zahl an Regularien und somit Arbeitspensum auszugleichen.
„Je höher die Qualität und Menge der vorhandenen Daten sind,
desto besser ist das Ergebnis, das man bei einer Anfrage erwarten kann.“
Clemens Hufeld
Vice President Legal Data,
Noxtua
“KI Literacy” entwickeln
Und welche neuen Fähigkeiten müssen die Juristen haben, um genau das dann auch tun zu können? „Dazu gehören in erster Linie eine Offenheit für Technik und der Wille, sich etwas Neues anzueignen und die dazugehörigen Tools auszuprobieren“, erläutert Clemens Hufeld. Dabei mache man automatisch seine Erfahrungen, lerne und komme professionell weiter. „In der juristischen Ausbildung sollte dieser iterative Lernprozess mit Rechts-KI ebenfalls Einzug halten“, meint Noxtuas Vice President Legal Data. Zu den neuen Skills gehört für ihn das sogenannte Prompting, also das Stellen richtig und präziser formulierter Fragen, die das beste KI-Ergebnis hervorbringen. Das erfordert von den Juristen jedoch aus zwei Gründen sehr gute Fachkenntnisse. Zum einen benötigt man sie, um gute Prompts schreiben zu können, zum anderen sind sie erforderlich, um die Antworten der KI richtig beurteilen zu können. „Man braucht eine gewisse KI Literacy, um es optimal nutzen zu können“, sagt Rehaag. Er vergleicht es mit den frühen Tagen von Wikipedia, als man ebenfalls viele Informationen schneller zur Verfügung hatte. Allerdings galt auch damals schon: Wer eine gute Allgemeinbildung mitbringt, sucht präziser und bekommt schneller die passenden Ergebnisse. „Je mehr ein Jurist über sein Fachgebiet weiß, desto einfacher wird es für ihn sein, die richtigen Prompts zu formulieren, die besten Antworten zu erhalten und – das ist entscheidend – die Richtigkeit und Qualität der Antworten einzuschätzen“, betont Rehaag. Allerdings wird daran gearbeitet, diese Barriere zu senken. „Schon jetzt werden die Prompts von unseren Teams geprüft und analysiert, um sie besser zu verstehen und dadurch die Antworten von Noxtua künftig zu verbessern“, sagt Hufeld. Aktuell besteht die Herausforderung für die KI oft darin, dass ein Prompt aus mehreren verschiedenen juristischen Fragen besteht. Was für das menschliche Gehirn mit einiger Überlegung aufgeteilt werden kann, ist für die KI keineswegs so einfach. Weil die KI jedoch dem Menschen dienen soll und nicht umgekehrt, arbeitet man bei Noxtua am besseren Verständnis des Prompts durch die KI. Deshalb wird aus Hufelds Sicht das Prompting als Skill für den Nutzer künftig an Bedeutung abnehmen, weil Noxtua immer besser wird und auch bei weniger klar formulierten Fragen auf die gewünschte Antwort kommen wird. Dennoch sollte sich die juristische Ausbildung nicht auf eine immer bessere Technik verlassen, sondern Tech Literacy zum Bestandteil des Studiums machen.
Veränderungen finden jetzt statt
Nicht nur in der Ausbildung, auch in den Rechtsabteilungen ist der KI-Einsatz vom Nischen- zum Dauerthema geworden. Denn wenn es die anderen schon nutzen, darf man dann selbst noch hinterherhinken? „Wir sprechen natürlich jeden Tag mit potenziellen Kunden und merken die Bewegung, die im Markt herrscht“, erläutert Hufeld. Mitte der 2010er-Jahre konnte man Legal Tech noch als Aufgabe abtun, mit der man sich in der Zukunft beschäftigen muss. Mittlerweile ist diese Ansicht der Erkenntnis gewichen, dass die Veränderungen jetzt stattfinden, und dass man die Technik nutzen muss. Zumal sie sich immer schneller weiterentwickelt. „Viele Unternehmen verwenden bereits einzelne KI-Tools in nicht-juristischen Bereichen, doch je schneller sich auch spezielle Rechts-KI wie Noxtua weiterentwickelt, desto nützlicher wird ihr Einsatz beziehungsweise entspricht besser den Bedürfnissen der Anwender“, sagt Hufeld. Der Markt schaut dabei auf die Frage, ob das Tool für seine Nutzer wirklich besser wird, Techniker achten auf das, was sich im Hintergrund tut. „Weil wir, anders als andere Anbieter, unabhängig von US-amerikanischen Tech-Giganten und deren Datenquellen sind, haben wir viel größere Spielräume auf der technischen Seite, um Noxtua mit unseren Rechtsdaten und unseren Veränderungen für die Kunden weiter zu verbessern“, erläutert Hufeld. Wohl dem, der seinen Algorithmus selbst programmiert hat. Doch nicht nur die KI entwickelt sich weiter, sondern ebenso die Rechtsgrundlagen, auf der sie eingesetzt wird. Das zeigt nicht nur der im Juni 2024 von der EU verabschiedete AI Act. Rehaag sieht Vorgaben, die Entstehung von KI-generierten Arbeitsergebnissen transparent zu machen, als entscheidend für die Akzeptanz der Technologie an: „Nur so lässt sich am Ende feststellen, wer, wie und warum eine Entscheidung getroffen hat, bei der KI mit im Spiel war“, sagt der Fachanwalt. Denn eines ist klar: das letzte Wort bei Rechtsfragen werden sich die Unternehmensjuristen sicher nicht nehmen lassen.
■ Christoph Neuschäffer
