Zwischen KI-Euphorie und operativer Realität

KI ist gekommen, um zu bleiben – doch ihr Erfolg hängt davon ab, wie gut sie in bestehende Strukturen integriert wird. Der Legal Operations Kongress in Köln zeigte, dass Technologie allein nicht ausreicht. Vielmehr kommt es auf Prozesse, Teams und einen klaren strategischen Rahmen an.
vom 8. Mai 2026
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Den Auftakt des Legal Operations Kongresses in Köln machte Dr. Michael Brockhausen, Senior Legal Counsel, IL Digital Transformation und Litigation Operations, Mercedes-Benz Group, mit einem differenzierten Blick auf Generative AI. Sein Fazit lautete: GenAI ist ein hilfreicher Assistent, aber kein Ersatz für juristische Expertise. Statt Hype plädierte er für einen pragmatischen Umgang mit der Technologie, der Chancen nutzt, ohne Risiken zu unterschätzen. In diesem Zusammenhang nannte er Schwächen und Grenzen von KI, wie beispielsweise Halluzinationen oder fehlendes logisches Denken. Aber auch Stärken von GenAI waren Gegenstand seines Vortrags. Diese Perspektive griff Simon Straßburger, Local Partner, Legal Transformation und Managed Services, PwC Legal, auf und führte sie konsequent fort. In seinem Vortrag vermittelte er, dass echter Legal Value, also der messbare Wertbeitrag zu Unternehmensleistung, nicht allein durch den Einsatz von KI entsteht. Entscheidend seien vielmehr klar definierte Prozesse und Delivery Modelle wie Managed Services. Er stellte abschließend fest: KI könne nur dann Mehrwert schaffen, wenn sie in ein strukturiertes Gesamtsystem eingebettet ist. Anschließend rückte die Frage nach den Menschen hinter diesen Prozessen in den Fokus. Claudia Hawle, Head of Corporate Legal Operations und Technology, TÜV SÜD AG, zeigte praxisnah, wie ein starkes Legal Operations Team aufgebaut wird. Ihr Ansatz: Nicht Titel, sondern Fähigkeiten sind ausschlaggebend. Ihrer Erfahrung nach bilden Diversität, also Spezialisten aus verschiedenen Bereichen wie Betriebswirtschaftslehre, IT und Legal, ein offenes Mindset und die richtigen Kompetenzen die Grundlage für nachhaltigen Erfolg. Zudem ging sie auf das Rollenverständnis von Legal Operations als Brückenbauer zu anderen Abteilungen und als Übersetzer ein.

Wie eng Technologie, Organisation und Strategie miteinander verzahnt sind, verdeutlichte nachfolgend Jan Borowski, Beratungsleiter Legal Technology, Wolters Kluwer. Er ging darauf ein, dass KI zwar erhebliche Effizienzgewinne verspricht, in der Praxis jedoch weiterhin auf Herausforderungen wie Datenschutz, fehlende Ressourcen und Akzeptanz trifft. Zudem warnte er vor blindem Technikvertrauen und übersteigerten Erwartungen an KI. Er sprach sich dafür aus, die Fähigkeiten von Mensch und Maschine miteinander zu kombinieren. Der Schlüssel zum Erfolg liege im Zusammenspiel von klarer Strategie, durchdachten Prozessen und geeigneter Technologie.

Im Anschluss daran drehte sich der nächste Vortrag mit dem Titel „Strategien für Rechtsabteilung im Spannungsfeld zwischen Eigenleistung und Outsourcing“ um die zentrale operative Fragestellung: Welche Leistungen sollten intern erbracht und welche ausgelagert werden? Hendrik Seidel, Principal Legal Counsel, Corporate Legal, OBI Group Holding, hob hervor, dass „Make or Buy“ vor allem eine Organisations- und Prozessfrage ist und nicht primär eine technische. Ziel müsse dabei sein, Aufgaben je nach Komplexität sinnvoll zwischen Inhouse-Teams, externen Partnern und KI zu verteilen, um Effizienz und Skalierbarkeit zu erreichen. Wie weit Automatisierung bereits gehen kann, demonstrierte Steffen Heym, Gründer und Geschäftsführer, Neo.Law Technology, mit dem Konzept der „No-Prompt Legal AI“. Im Rahmen einer Live-Demo zeigte er, wie NDAs auf Basis unternehmensspezifischer Playbooks innerhalb weniger Minuten analysiert werden können. Daraufhin werden Risiken und Abweichungen transparent dargestellt – ohne manuelles Prompting. Passend dazu ging auch Oliver Schmidt-Prietz, LL.M, Senior Legal Counsel Data Protection & Privacy, CARIAD, mit seinem Vortrag zu „Vibe Coding“ neue Wege. Er zeigte, wie Juristinnen und Juristen mithilfe von Large Language Models eigene Anwendungen entwickeln können – allein durch natürliche Sprache. Zentrale Bausteine sind dabei sogenannte „Skills“, also strukturierte Anweisungspakete, die juristische Logik, Methodik und Fachwissen in wiederverwendbare KI-Workflows übersetzen. Mit dieser Lösung sollen wiederkehrende Prüf- und Dokumentationsprozesse nachvollziehbar und effizient abgebildet werden.

All die Trends, die auf dem Kongress thematisiert wurden, haben unmittelbare Auswirkungen auf das Berufsbild von In-house Counsel, weiß Anna Halmer, Vice President Corporate and M&A Law, Deputy General Counsel, Delivery Hero. Sie machte in ihrem Vortrag darauf aufmerksam, dass sich die Anforderungen an Juristinnen und Juristen derzeit grundlegend verändern. Neben juristischer Expertise gewinnt ein breites Skillset an Bedeutung. Es umfasst unter anderem Prozessdenken, Innovationsoffenheit, KI-Kompetenz, Lernbereitschaft und Anpassungsfähigkeit. Fakt ist: Erfolgreiche In-house Counsel agieren heute an der Schnittstelle von Recht, Business und Legal Operations, um Transformation aktiv voranzutreiben. Wie diese Transformation konkret umgesetzt werden kann, zeigten Natalie Achenbach-Zappolini, Director Legal Affairs Digital & Innovation, und Katharina Ernstberger, Legal Counsel Digital & Innovation, beide Puma. In ihrem Vortrag gaben sie Einblicke in die Praxis von Legal Operations, wo KI und Managed Legal Services gezielt eingesetzt werden, um Effizienzpotenziale zu heben. Besonders wichtig sind dabei klare Governance-Strukturen, nutzerfreundliche, einfache Lösungen und ein iteratives Vorgehen über Pilotprojekte. Aus ihrer Erfahrung heraus konnten die beiden Referentinnen am Ende bestätigen: Fortschritt ist besser als Perfektion.

Den Abschluss des Kongresses in Köln bildete das Panel mit Martin Clemm, SVP Global Legal & General Counsel, Member of the Management Team, Software AG, Dr. Hans-Jürgen Dietrich, Senior Manager Global Legal Operations, BASF, und Mareike Petrowitsch, General Counsel, Urban Sports Club. In der Diskussion ging es um die größten Herausforderungen in Legal Operations 2026. Dabei stellte sich heraus, dass viele Unternehmen weiterhin mit grundlegenden Hürden kämpfen – etwa fragmentierten Systemlandschaften und unzureichender Datenqualität. Gleichzeitig herrschte Einigkeit darüber, dass Transformation in erster Linie ein Change-Thema ist. Der Blick zurück auf Ende 2025 machte deutlich: Fortschritte sind zwar sichtbar, doch der Weg ist noch lang. Entscheidend sei ein pragmatischer Einstieg mit klar definierten Use Cases und messbarem Mehrwert. Dabei haben die Diskussionsteilnehmer immer wieder betont, dass Technologie nur ein Teil der Lösung ist. Denn am Ende des Kongresses kristallisierte sich eine klare Erkenntnis heraus: Der entscheidende Faktor bleibt der Mensch. Erfolgreiche Legal Operations erfordern nicht nur die richtigen Tools, sondern vor allem die Bereitschaft, Veränderungen aktiv zu gestalten. Oder anders gesagt: Jetzt ist die Zeit, nicht nur zu diskutieren – sondern umzusetzen.

Natalia Maucher

Beitrag von Natalia Maucher

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