Die Stimmung im Meliá-Hotel in Frankfurt am Main war durchweg gut am 22. und 23. Juni unter Kolleginnen und Kollegen aus Rechtsabteilungen, Sozietäten und Anbietern juristischer Dienstleistungen und Legal Tech. Das galt sowohl für den Vorabend wie auch am Konferenztag selbst und am Gala-Abend mit Dinner und Preisverleihung. Der Hessische Justizminister Christian Heinz eröffnete die Konferenz mit einem Grußwort und setzte damit den Ton für die folgenden Diskussionen und den fachlichen Austausch. Im Rahmen seines Vortrages wies er auf notwendige Reformen im Justizwesen hin und gab Einblicke in aktuelle Herausforderungen und Handlungsfelder. Im Anschluss ging es um aktuelle Erkenntnisse zum Reifegrad von Legal, Compliance, Datenschutz und IP. Die Themen Legal Operations, Technologieeinsatz und Managed Services zeigen zunehmend, wie professionell und effizient Rechtsabteilungen aufgestellt sind. Wie stark aktuelle Rahmenbedingungen die Arbeit von Unternehmensjuristen beeinflussen, zog sich als roter Faden durch die gesamte Veranstaltung. Geopolitische Spannungen und wirtschaftliche Unsicherheiten erhöhen den Beratungsbedarf innerhalb der Unternehmen erheblich. Auch regulatorische Anforderungen wie beispielsweise die neue Produkthaftungsrichtlinie, DORA und NIS2 fordern Legal- und Compliance-Abteilungen heraus. Zudem wurde in mehreren Sessions deutlich, dass Rechtsabteilungen heute weit über ihre klassische Rolle als juristische Prüfinstanz hinausgehen. Sie müssen als Business Partner Risiken frühzeitig erkennen, Entwicklungen einordnen und die Unternehmensführung bei strategischen Entscheidungen begleiten.
Die Bandbreite der Konferenz spiegelte zugleich die Vielschichtigkeit der heutigen Rechtsfunktion wider. Neben KI hat die RUJK auch klassische Rechtsgebiete behandelt. So beleuchteten die Referenten aktuelle Entwicklungen im Kartellrecht, der betrieblichen Mitbestimmung sowie strategische Fragen rund um Restrukturierungen. Intensiv diskutierten die Teilnehmer außerdem die Zukunft von ESG. Die zentrale Erkenntnis: Nachhaltigkeit bleibt ein strategisches Thema für Unternehmen und Rechtsabteilungen – weit über regulatorische Vorgaben hinaus.
Besondere Aufmerksamkeit erhielt darüber hinaus die Frage, wie Innovation in Rechtsabteilungen entsteht. Ein Beispiel aus der Praxis demonstrierte, wie Innovationsprozesse nicht nur von oben vorgegeben werden, sondern auch aus den Teams selbst heraus entstehen können. Der Case zeigte eindrucksvoll, wie Rechtsabteilungen selbst Treiber von Innovation und Veränderung sein können.
KI wird vom Zukunftsthema zum Arbeitsalltag
Kaum ein Thema prägte die RUJK 2026 so stark wie der Einsatz von KI. Während in den vergangenen Jahren häufig noch über Potenziale und Risiken diskutiert wurde, standen in diesem Jahr Use Cases und die praktische Umsetzung im Vordergrund. Alles in allem haben die Vorträge bestätigt, dass erfolgreiche KI-Projekte weniger von der Technologie selbst als von den zugrunde liegenden Prozessen abhängen. Aus Sicht der Referenten werden vor allem die Rechtsabteilungen davon profitieren, die ihre Arbeitsabläufe zuerst standardisieren und strukturieren. Damit wird KI zunehmend zum Katalysator für organisatorische Weiterentwicklung.
Passend dazu stellten mehrere Referenten konkrete Anwendungsfälle vor. Diskutiert wurden unter anderem KI-gestützte Rechtskataster, die Unterstützung von Compliance-Prozessen durch intelligente Systeme sowie die Entwicklung sogenannter KI-nativer Rechtsabteilungen. Dabei stellte sich weniger die Frage, ob KI eingesetzt werden sollte, sondern vielmehr, wie ihre Integration sinnvoll gestaltet werden kann.
Gleichzeitig drehten sich mehrere Sessions um regulatorische Rahmenbedingungen. Die Auswirkungen der europäischen KI-Verordnung wurden insbesondere am Beispiel der Bankenbranche beleuchtet. Dabei zeigte sich, dass die neuen Anforderungen erhebliche Auswirkungen auf Governance-, Risiko- und Compliance-Strukturen haben werden. Für Rechtsabteilungen bedeutet dies, nicht nur Nutzer neuer Technologien zu sein, sondern zugleich deren rechtssichere Einführung und Überwachung zu begleiten.
Ein Thema, mit dem sich aktuell viele Rechtsabteilungen befassen, sind KI-Agenten. Die Podiumsdiskussion dazu verdeutlichte, dass die nächste Entwicklungsstufe juristischer Technologien bereits sichtbar wird. Agenten könnten künftig eigenständig Informationen verarbeiten, Aufgaben übernehmen und Prozesse steuern. Auch wenn viele praktische Fragen noch offen sind, wurde das enorme Potenzial für Effizienzsteigerungen und neue Arbeitsformen veranschaulicht.
Mehr als juristische Exzellenz
Neben Technologie und Regulierung spielte ein weiterer Aspekt eine zentrale Rolle: die Frage nach Organisation, Führung und Zusammenarbeit. Mehrere Referentinnen und Referenten befassten sich in ihren Vorträgen mit der optimalen Aufstellung moderner Legal Teams. Diskutiert wurden flache Organisationsstrukturen, globale Zusammenarbeit, effiziente Prozesse und die Bündelung von Anfragen und Arbeitsabläufen auf digitalen Plattformen. Dabei hat sich herausgestellt, dass nicht die Größe einer Rechtsabteilung über ihren Erfolg entscheidet, sondern die Fähigkeit, Wissen, Prozesse und Technologien intelligent miteinander zu verknüpfen.
Auch die Frage, wie rechtliche Vorgaben im Unternehmen tatsächlich umgesetzt werden können, wurde aufgegriffen. Zwar sind heute juristische Anforderungen klar definiert, die Herausforderung liegt allerdings in der praktischen Umsetzung. Ob Richtlinie, Prozess oder andere Instrumente – entscheidend ist letztlich, dass Compliance im Unternehmensalltag wirksam gelebt wird.
Den Abschluss der Konferenz bildete eine Podiumsdiskussion mit einer Fragestellung, die viele Unternehmensjuristen derzeit beschäftigt: Reicht juristische Exzellenz allein noch aus? Die Diskussion ergab, dass Motivation, Leadership und Empowerment zunehmend über den Erfolg moderner Rechtsabteilungen entscheiden. Fachliche Kompetenz bleibt die Grundlage, doch ebenso wichtig werden Führungskompetenz, Veränderungsbereitschaft und die Fähigkeit, Mitarbeitende für gemeinsame Ziele zu gewinnen. Auch der Galaabend stand im Zeichen der Weiterentwicklung der Rechtsfunktion. Erstmals hat diruj den In-house Pioneer verliehen. Mit der Auszeichnung würdigt das Institut innovative und zukunftsweisende Projekte aus Rechts- und Compliance-Abteilungen, die die Rolle von Legal im Unternehmen nachhaltig stärken. Die große Resonanz, strahlende Gewinner und die Vielzahl an Einreichungen haben unter Beweis gestellt, wie viel Innovationskraft in den Rechtsabteilungen deutscher Unternehmen steckt.
Die RUJK 2026 hob insgesamt hervor, dass Unternehmensjuristen heute weit mehr leisten als klassische Rechtsberatung. Sie gestalten Transformation, begleiten technologische Entwicklungen, steuern Risiken und unterstützen strategische Entscheidungen. Damit wird Legal zunehmend zu einem unverzichtbaren Business-Partner für die Zukunftsfähigkeit ihrer Unternehmen. ■ Natalia Maucher
