Mehr als Preis und Markt

Kartellrecht betrifft längst nicht mehr nur Vertrieb, Einkauf oder M&A. Neue Themenfelder und digitale Ermittlungsinstrumente tragen kartellrechtliche Fragen tiefer in die Organisation hinein – und verändern damit auch die Rolle der Rechtsabteilung.
vom 11. September 2026
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Wer an Kartellrecht denkt, hat vermutlich zunächst Preisabsprachen, Vertrieb, Kooperationen oder große Transaktionen im Kopf. Dass inzwischen auch Personalabteilungen stärker in den Blick der Wettbewerbsbehörden geraten, zeigt jedoch, wie dynamisch das Rechtsgebiet ist. Absprachen zwischen Unternehmen, Beschäftigte nicht gegenseitig abzuwerben, sind dafür nur ein Beispiel. Auch Nachhaltigkeitsinitiativen, digitale Geschäftsmodelle, Plattformen, Datenstrategien oder der Einsatz von künstlicher Intelligenz können kartellrechtliche Fragen aufwerfen.

Dabei ist weniger das einzelne neue Risikofeld entscheidend als die Entwicklung dahinter: Kartellrecht wandert immer tiefer in unterschiedliche Unternehmensbereiche hinein. Was früher vor allem an den klassischen Schnittstellen zum Wettbewerb relevant war, kann heute ebenso HR oder Public Affairs betreffen. Hinzu kommt, dass sich kartellrechtliche Anforderungen zunehmend mit anderen Regelwerken überschneiden – etwa mit Plattformregulierung, Datenschutz oder Vorgaben für KI. Damit wächst auch die Zahl der Situationen, in denen rechtliche Fragen früh erkannt und eingeordnet werden müssen.


Parallel zu dieser inhaltlichen Ausweitung verändern sich auch die Instrumente, mit denen Kartellbehörden mögliche Verstöße erkennen und verfolgen. Sie können große Datenmengen mithilfe von KI-gestützten Analysen auf Auffälligkeiten und wiederkehrende Muster untersuchen. Auch forensische Software und E-Discovery-Tools machen es möglich, elektronische Kommunikation immer umfassender auszuwerten. Datenbasierte Ansätze können damit zusätzliche Anhaltspunkte für Ermittlungen liefern. Für Unternehmen bedeutet das nicht, dass jede ungewöhnliche Preisbewegung oder jede Kooperation automatisch zum Kartellrechtsfall wird. Es zeigt aber, dass Daten, Kommunikation und Dokumentation bei der kartellrechtlichen Compliance weiter an Bedeutung gewinnen.


Für Rechtsabteilungen stellt sich damit zunehmend eine Governance-Frage: Wie gelangt kartellrechtliche Expertise dorthin, wo entsprechende Risiken entstehen können? Dieses Thema allein bei wenigen Spezialisten zu verorten, dürfte deshalb zunehmend an Grenzen stoßen. Entscheidend ist vielmehr, dass relevante Unternehmensbereiche erkennen können, wann eine Entscheidung eine kartellrechtliche Dimension bekommt und wann es sinnvoll ist, Legal frühzeitig einzubeziehen. Schulungen, klare Zuständigkeiten und gut funktionierende Schnittstellen zwischen Rechtsabteilung und operativen Einheiten gewinnen damit an Bedeutung.


Das bedeutet nicht, jedes Geschäftsvorhaben vorsorglich unter Kartellrechtsverdacht zu stellen. Im Gegenteil: Kartellrecht bewegt sich häufig zwischen Risiko und zulässigem Spielraum. Kooperationen können wirtschaftlich sinnvoll und rechtlich möglich sein, digitale Vertriebsmodelle eröffnen neue Chancen, und auch der Austausch mit Wettbewerbern ist nicht per se unzulässig. Gerade deshalb kommt es darauf an, dass Legal bestimmte Fragestellungen frühzeitig einordnet. Je besser Rechtsabteilungen Geschäftsmodelle und operative Abläufe verstehen, desto eher können sie dazu beitragen, tragfähige Lösungen zu entwickeln, statt erst dann einzuschreiten, wenn ein Problem bereits entstanden ist.


Genau darin liegt die Veränderung: Kartellrecht wird weniger zu einer Spezialfrage, die punktuell auf dem Tisch der Rechtsabteilung landet. Es entwickelt sich stärker zu einer Querschnittsaufgabe. Für Legal bedeutet das vor allem, die richtigen Schnittstellen zum Geschäft zu schaffen – und dort präsent zu sein, wo aus einer unternehmerischen Entscheidung auch eine wettbewerbsrechtliche Frage werden kann.

Eure
Natalia Maucher
Leitende Redakteurin In-house Counsel

Beitrag von Natalia Maucher

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