Du verantwortest bei Carglass heute nicht nur die Rechtsabteilung, sondern auch das Thema Compliance auf Geschäftsleitungsebene. Wann hast Du gemerkt, dass die Rolle von Legal weit über klassische Rechtsberatung hinausgeht?
Bevor ich 2016 die Leitung der Rechtsabteilung übernommen habe, habe ich mit einer externen Kanzlei Compliance-Richtlinien mit dem Schwerpunkt auf Antikorruption erarbeitet und eingeführt. In diesem Zuge habe ich neue Strukturen etabliert und mich näher mit Compliance beschäftigt. Dabei wurde mir schnell klar, dass der Verantwortungsbereich deutlich mehr umfasst als die reine Dokumentation rechtlicher Vorgaben. Eine Zeit lang war Compliance organisatorisch noch bei Legal angesiedelt. Jedoch trägt man immer zwei Hüte: Einerseits hat man die Aufgabe, die Geschäftsführung rechtlich zu beraten, um Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Andererseits muss Compliance darüber entscheiden, ob regulatorische Verpflichtungen eingehalten werden oder Verstöße vorliegen könnten. An dieser Stelle ist eine Trennung der beiden Bereiche sinnvoll, sodass ich eine eigenständige Compliance-Abteilung aufgebaut habe. Mittlerweile besteht die komplette Legal- und Compliance-Abteilung aus zehn Mitarbeitenden.
Du hast die Compliance-Abteilung bei Carglass über Jahre mit aufgebaut. Was braucht es aus Deiner Sicht, damit Compliance im Unternehmen als echter Business-Partner wahrgenommen wird?
Das ist kein einfaches Unterfangen. Compliance ist zwar nicht direkt ein Verhinderer, wird aber häufig noch als Kontrollfunktion wahrgenommen. Aus meiner Sicht kommt es darauf an, nicht im stillen Kämmerlein Freigaben zu unterzeichnen, sondern tief im Unternehmen eingebunden zu sein. Die Compliance-Abteilung sollte alle Strukturen, Prozesse und Menschen kennen sowie das Business verstehen. Es geht darum, ein Vertrauensverhältnis zum Management und zu Mitarbeitenden aufzubauen. Außerdem ist es entscheidend, die Sichtbarkeit von Compliance zu erhöhen und sich zu zeigen, um sich als bekanntes Gesicht zu positionieren. Es muss signalisiert werden, dass Compliance Mitarbeitenden im Unternehmen hilft und jederzeit ansprechbar ist. Allein durch den Hinweisgeberschutz, der auch bei uns liegt, kennen die Kollegen und Kolleginnen uns. Ein konkretes Beispiel dafür, wie wir unserer Enabler-Rolle gerecht werden, ist, dass unser Compliance Management System („CMS“) die ISO 37301 Zertifizierung erlangt hat. Das haben bisher nur wenige Unternehmen in Deutschland erreicht und wir sind wirklich stolz darauf. Auf diese Weise können sich unsere Business-Partner wie Versicherungen und Lease-and-Fleet-and-Rental-Kunden darauf verlassen, dass wir alle regulatorischen Anforderungen einhalten und vor allem, dass unsere internen Compliance-Prozesse, Richtlinien, Trainings und Strukturen den hohen Standards des TÜV Rheinland standhalten. Damit schaffen wir einen Mehrwert für das Business, fördern Geschäftsbeziehungen und leisten einen konkreten Beitrag zum Unternehmenserfolg, was sich anhand von KPIs messen lässt.
Seit 2021 bist du Mitglied der Geschäftsleitung. Wie verändert sich die Perspektive auf juristische Themen, wenn man unternehmerische Gesamtverantwortung mitträgt?
In meiner Position reichen die Fragestellungen weit über juristische Themen hinaus. Als Teil des Management-Teams muss ich nachvollziehen, welche Ziele das Business verfolgt und was es konkret dafür benötigt. Daraus ergibt sich mit der Zeit, dass man eine andere rechtliche Betrachtung einnimmt und sehr viel näher am Geschäft agiert. Dieses Rollenverständnis hat sich in den letzten Jahren meiner Meinung nach stark verändert und wird vom Business auch erwartet. Heute verfügen die Rechtsabteilungen über mehr wirtschaftliches Know-how, was dazu beiträgt, Sachverhalte besser zu verstehen und diese auch dem Team zu vermitteln.
Du warst an einem Verfahren beteiligt, das den Zugang zu Fahrzeugdaten und den Wettbewerb im freien Werkstattmarkt betrifft. Warum ist dieses Thema aus Deiner Sicht weit mehr als nur eine technische Detailfrage?
Der Zugang zu Fahrzeugdaten entwickelt sich zunehmend zu einer Wettbewerbsfrage. Mit technischen Hürden wie sogenannten ‚Secure Gateways‘ erschweren Fahrzeughersteller freien Werkstätten den Zugriff auf relevante Daten. Dieser Zugang ist elementar, um eine Diagnose, Wartung und Reparatur von Fahrzeugen zu ermöglichen. Nur so kann der faire und potenziell kostendämpfende Wettbewerb im Kfz-Gewerbe sichergestellt werden. Dementsprechend beeinträchtigen diese Beschränkungen den freien Wettbewerb, schränken die Wahlfreiheit der Verbraucher ein und können letztlich zu höheren Preisen führen. Gemeinsam mit ATU sind wir deshalb gerichtlich dagegen vorgegangen – mit Erfolg. Das Verfahren gelangte bis vor den EuGH.
Was liegt bei Dir und Deinem Team derzeit auf dem Schreibtisch?
Derzeit beschäftigen wir uns mit der EU-Entgelttransparenzrichtlinie, die kein reines HR-Thema ist, sondern auch die Compliance-Abteilung fordert. Zudem gab es bei uns Ende 2025 einen Cyber-Vorfall, sodass wir bis heute daran arbeiten, Playbooks zu überarbeiten und neue Guidelines zusammen mit der IT-Security zu entwickeln. Ansonsten liegen natürlich klassische Compliance-Aufgaben wie Whistleblowing, Kartellrecht, die Erfüllung regulatorischer Anforderungen sowie Datenschutz in unserer Verantwortung. Und natürlich beschäftigen wir uns sehr intensiv mit dem Thema Legal Tech und haben nun nach rund einem Jahr in der Findungsphase eine gute KI-Strategie für uns gefunden. Die ersten Agenten sind auch schon gebaut.
Du bist bereits seit 2011 in der Rechtsabteilung des Carglass Mutterkonzerns Belron tätig. Wie wichtig ist es für Dich, bei einer bekannten Marke zu arbeiten und was fasziniert Dich an Deiner Tätigkeit bei Carglass?
Ursprünglich komme ich aus dem gewerblichen Rechtsschutz und habe damals erfahren, dass bei Belron in diesem Bereich eine spannende Stelle frei ist. Als ich ins Unternehmen eingestiegen bin, war mir noch nicht bewusst, wie groß und international der Konzern ist und wie viel Potenzial aus rechtlicher Sicht dahintersteckt. In den letzten 15 Jahren habe ich alle Rechtsgebiete kennengelernt – vom Mietrecht bis hin zu Kartellrecht, M&A und Compliance. Im Moment begleite ich in meiner Rolle als Geschäftsführungsmitglied unter anderem den Umbau der Hauptverwaltung in Köln. Dabei handelt es sich zwar um ein Spezialprojekt, es zeigt aber auch die Bandbreite unserer Aufgaben.
Das Gespräch führte Natalia Maucher.
Einblicke …
War Dein Berufswunsch schon immer Juristin?
Ich komme aus einer Mediziner-Familie. Da ich schon immer gerne mit Menschen zu tun hatte, hatte ich früher vor, dem Vorbild meiner Vorfahren zu folgen und selbst Ärztin zu werden. Als ich zwischenzeitlich festgestellt hatte, dass ich kein Blut sehen kann, habe ich mich umentschieden und wollte zunächst Politikerin werden. Als ich aus den Lebensläufen von bekannten Politikern erfahren habe, dass viele einen juristischen Hintergrund haben, weckte Jura mein Interesse. Daraus entstand ein spannender Weg, rückblickend bin ich sehr dankbar für diese Entscheidung.
Wenn wir Dich nicht bei der Arbeit antreffen, wo dann? Was machst Du gerne privat?
Ich bin ein sehr naturverbundener Mensch und verbringe meine Freizeit am liebsten draußen und in Bewegung. Ob Laufen, Schwimmen, Radfahren, Mountainbiking oder Skifahren – ich liebe es, bei jeder Jahreszeit an der frischen Luft Sport zu treiben.
Was ist Deine bevorzugte Literatur?
Am liebsten mag ich Romane und habe schon früher zur Schulzeit gerne Klassiker gelesen. Das letzte Buch, das ich gelesen habe, ist „Wedding People“ von Alison Espach. Außerdem mag ich auch Sachbücher sehr gerne, wie beispielsweise „Factfulness“ von Hans Rosling. Darin geht es darum, dass man auf Daten und Fakten vertrauen sollte, was in der heutigen Zeit meiner Meinung nach sehr wichtig ist. Außerdem höre ich sehr gerne Podcasts aus den Bereichen True Crime, Geschichte und Unterhaltung.
Apropos Hören: Welche Musik bevorzugst Du?
Ich höre am liebsten elektronische Musik, auch elektronischen Pop. Je nach Beat und Geschwindigkeit eignet sich das Genre sowohl fürs Arbeiten als auch für den Sport.
Wir wissen, den perfekten Tag gibt es nicht. Wie sieht denn der fast perfekte Tag für Dich aus?
Am liebsten starte ich ausgeschlafen in den Tag. Dann geht es raus, am liebsten in die Berge. Da ich ursprünglich aus München komme, zieht es mich in meiner Freizeit gerne in die Alpen. Hier steht je nach Jahreszeit Wandern, Fahrradfahren oder Skifahren an. Abends treffe ich gerne Familie und Freunde. Gemeinsam lassen wir den Tag bei einem tollen Essen und einem Glas Wein entspannt ausklingen.
Kurzvita
Kristina hat in Regenburg und München Jura studiert und absolvierte den Master of Law im Gewerblichem Rechtsschutz an der University of Exeter/TU Dresden. Bevor sie 2011 in die Rechtsabteilung beim Carglass-Mutterkonzern Belron in Köln wechselte, begann sie ihre juristische Laufbahn als Rechtsanwältin bei der internationalen Anwaltskanzlei Bird & Bird in Düsseldorf und arbeitete anschließend bei der GIZ in Bonn. Kristina Heistermann leitet seit 2016 die Rechtsabteilung bei Carglass und hat kontinuierlich die Compliance Abteilung aufgebaut. Seit 2021 ist sie Mitglied der Geschäftsleitung. Sie berät insbesondere bei M&A-Projekten des Konzerns, in allen kartellrechtlichen Fragestellungen sowie im Rahmen der Corporate Governance im Bereich Compliance und ESG. Zuletzt führte sie erfolgreich ein Verfahren vor dem EuGH für den ungehinderte Zugang zu Fahrzeugdaten zugunsten eines freien Werkstatt-Aftermarktes.
