„In einem Omnichannel-Unternehmen im Franchise-System ist Kommunikation statt Konkurrenz ein entscheidender Erfolgsfaktor“

Im Interview mit Katja Jungfermann lässt sich ihre Begeisterung spüren, für ein 
inhabergeführtes Familienunternehmen zu arbeiten, sie schätzt den engen Draht zur Geschäftsführung. Und sie liebt das Produkt. Familien zum Start des Lebens mit einem neuen Mitglied zu unterstützen, ist eine Herzensangelegenheit.
vom 7. November 2025
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In-house Counsel: Was liegt bei der Head of Legal von BabyOne auf dem Schreibtisch? Welche Themen beschäftigen Dich und Deine Abteilung?
Katja Jungfermann: Es ist die bunte Tüte vom Kiosk. Wir beschäftigen uns beispielsweise mit mietvertraglichen Themen unserer Fachmärkte. Das bedeutet auch, dass wir konkret in Verhandlungen gehen. Wir haben immer wieder mit gesellschaftsrechtlichen Themen zu tun. Verschiedene Abteilungen kommen auf uns zu, sei es der Customer Service oder auch das Marketing. Und natürlich sind wir die Ersten, die sich mit Regulierungsthemen beschäftigen. Von welchen Gesetzen und Verordnungen sind wir betroffen? Welche Maßnahmen müssen wir daraus ableiten?

Marketing ist ein interessantes Stichwort in diesem Zusammenhang. Welche Herausforderungen müsst Ihr diesbezüglich stemmen?
Zum einen betrifft es wiederkehrende Aufgaben. Ein Beispiel: BabyOne gibt einen Print-Prospekt mit unseren Produkten heraus und wir müssen prüfen, ob sich rechtlich relevante Änderungen ergeben haben oder welche Aspekte bei der Abbildung online ergeben. Zum anderen begleiten wir aber auch die vielen neuen Ideen, die aus dem Marketing kommen. Je kreativer das Marketing ist, desto intensiver sind Austausch und rechtliche Begleitung. Auch dafür ein Beispiel: Das Marketing hatte die Idee einer ‚Welcome-Box‘, die Schwangere in den Märkten abholen können. Bei solchen Gelegenheiten prüfen wir, inwiefern sich solche Ideen rechtssicher umsetzen lassen.

BabyOne bezeichnet sich selbst als ‚Omnichannel-Anbieter‘ im Franchisesystem. Es gibt 35 eigene Märkte und 66 Franchise-Märk­te in der DACH-Region, plus den Online-Shop. Inwiefern schlägt sich diese Systematik auf die Arbeit des Legal Department nieder?
Dass BabyOne ein Franchise-Unternehmen ist, hat enorme Auswirkungen. Obwohl Franchise-Nehmer und eigene Märkte rechtlich gesehen konkurrieren, arbeiten wir zusammen, sowohl stationär als auch online. Dennoch müssen wir aber mit den Informationen sensibel umgehen und achten darauf, über welche Themen wir in welchen Konstellationen sprechen. Omnichannel bedeutet, dass wir Kundinnen und Kunden auf allen Ebenen erreichen möchten. Die Ansprüche sind vielschichtig: Manche sehen sich im Netz Produkte an, möchten diese dann im Geschäft kaufen, andere lassen sich dort intensiv beraten, kaufen dann aber lieber online und lassen sich die Ware nach Hause schicken. Dann kann es beispielsweise sein, dass ein Franchise-Nehmer liefert. Das funktioniert nur mit den entsprechenden Verträgen und einem reibungslosen Austausch. Die Rechtsabteilung hat viel damit zu tun, aber auch die IT. In den vier Jahren, in denen ich hier bin, hat sich hinsichtlich der IT-Systeme sehr viel verändert, da ist mir zugutegekommen, dass ich einige Erfahrung in diesem Bereich habe. Wir mussten sehen, wie sich das alles realisieren lässt und wie wir da den rechtlichen Rahmen schaffen.

Inwiefern befähigt Ihr die Filialen und damit letztlich Nichtjuristen, rechtliche Angelegenheiten selbst zu erledigen?
Wir agieren sehr nah am Business. Das betrifft die Dienstleistungszentrale ebenso wie die Märkte selbst. Zunächst befähigen wir die Kollegen und Kolleginnen in der Zentrale, da profitieren wir von den kurzen Wegen. Im Übrigen wäre es natürlich schön, wenn wir alle Verträge selbst verhandeln könnten, das funktioniert mangels ausreichender Ressourcen nicht. Daher prüfen wir – und das tun wir pragmatisch und risikobasiert. Und es gibt einen fachlich Verantwortlichen, der das Geschäft kennt und weiß, was er benötigt. Dieser verhandelt das Juristische erst einmal mit, soweit das geht – und wir kommen bei Rückfragen oder komplexeren Angelegenheiten ins Spiel.

Wie groß ist die Akzeptanz für dieses Vorgehen?
Diese ist sehr hoch. Was dabei hilft: Das Unternehmen gibt es seit 35 Jahren, eine eigene Rechtsabteilung seit vier Jahren. Die handelnden Personen sind also von jeher sehr aktiv und selbstständig. Dass es nun ein Legal Department gibt, an das sich alle wenden können, wird sehr positiv aufgenommen. Unsere Tür steht immer offen und wenn ich in der Zentrale bin, dann ist hier immer wieder jemand in meinem Büro. Wir verstehen uns als Service-Dienstleister im Haus.

Inwiefern nutzt Ihr für Eure tägliche Arbeit Legal Tech und Künstliche Intelligenz?
Ich formuliere das mal so: Wir laufen los und lernen laufen. Wir haben mit einem Vertragsmanagement-System angefangen und nutzen das seit rund eineinhalb Jahren. Wir gehen nun die nächsten Schritte und stellen fest, dass wir für bestimmte Aufgaben, die jetzt die KI löst, viel weniger Zeit benötigen. Übrigens arbeiten wir zurzeit daran, die Nutzung von KI im gesamten Unternehmen zu etablieren. Wir sehen definitiv den Mehrwert und wollen den nutzen. Klar ist aber auch: Mehr als eine Unterstützung ist das nicht. Auch die Künstliche Intelligenz muss noch viel lernen und die menschliche Kontrolle ist schlicht unverzichtbar.

Welche Besonderheiten gibt es, wenn jemand wie Du in einem inhabergeführten Familienunternehmen arbeitet?
Ich habe Einblicke in sehr viele Bereiche, nicht nur innerhalb der Unternehmensstruktur, sondern auch in der Familie selbst – es ist ein ‚Family Business‘. Die Wege sind kurz, nicht nur die von der Rechtsabteilung zu den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Mein Büro liegt genau zwischen denen der geschäftsführenden Personen, wir sehen uns sehr oft und tauschen uns zwanglos aus. Aktuell hat BabyOne drei Geschäftsführer, die Familienmitglieder Anna Weber und Jan-Willem Weischer, neu hinzugekommen ist Christoph Semer als COO. Es ist essenziell, dass es auf menschlicher Ebene sehr gut klappt und das führt bei mir zu noch mehr Freude und Begeisterung, arbeiten zu gehen.

Wie wichtig ist es für Dich, für eine bekannte Marke zu arbeiten?
Die Bekanntheit ist mir gar nicht so wichtig. Was ich toll finde, ist das Produkt. Ich kann ein Produkt begleiten, das mir am Herzen liegt. Ich arbeite in einer Branche, in der auch die Juristin das Gefühl hat, Familien glücklich zu machen. Außerdem ist es spannend, Innovationen zu begleiten, zu beobachten, was es Neues am Markt gibt. 2022 haben wir ein Start-up gegründet und es ist schön, dass ein über 30 Jahre altes Unternehmen mit seiner Expertise immer wieder Frisches wagt und investiert. Teil all dessen zu sein, erfüllt mich sehr.   

Einblicke …

War Dein Berufswunsch schon immer Juristin?
Der Beruf war schon relativ früh mit im Topf. Was mich seit jeher bis heute begeistert, ist es zu argumentieren, Sprache zu nutzen, schnell eine Idee oder Lösung parat zu haben. Insofern hätte ich mir auch gut vorstellen können, als Journalistin tätig zu sein. Themen presseseitig zu begleiten wäre sicherlich auch sehr spannend geworden. Auch eine Tätigkeit als Übersetzerin hätte ich mir vorstellen können. 

Wenn wir Dich nicht am Arbeitsplatz treffen, wo dann? Wie verbringst Du gerne Deine Freizeit?
Am liebsten bin ich auf Reisen, im Großen wie im Kleinen, dazu gehört schon der kurze Ausflug. Ich habe eine Tochter, die gerade fünf geworden ist und mit ihr bin ich sehr gerne unterwegs. Sie liebt es, draußen zu sein und mag auch die weiteren Fahrten, sei es der Tagestripp nach Holland oder das verlängerte Wochenende in Paris. Aber auch in der unmittelbaren Umgebung kann man uns häufiger antreffen.

Was ist Deine bevorzugte Literatur?
Ich lese gerne Romane, weil diese mich relativ schnell entführen in eine andere Welt. Zuletzt habe ich „Eine Frage der Chemie“ von Bonnie Garmus gelesen. Ich versinke aber gerne auch in Reiseliteratur, am liebsten natürlich in Vorbereitung des nächsten Urlaubs. Die nächste große Reise führt uns nach Japan, damit beschäftige ich mich aktuell und lese „Abroad in Japan“. 

Vom Lesen zum Hören, welche Musik lenkt Dich ab?
Auf Konzerten und als Sportbegleitung höre ich gerne Rock, durchaus auch Heavy Metal. Tickets habe ich aktuell für das nächste H-Blockx-Konzert. Das ist eine Rockband aus Münster. Ansonsten stehen noch Indie, Pop oder auch mal Klassik auf dem Programm. Live muss es aber schon „fetzen“ (lacht). 

Den perfekten Tag gibt es nicht. Wie sieht der fast perfekte Tag für Dich aus?
Ich hatte in Frankreich einen sehr schönen Geburtstag. Gemeinsam mit meinem Mann und meiner Tochter frühstückte ich direkt am See, später verbrachten wir den Tag gemeinsam am Meer. Das war wunderbar, eigentlich haben nur noch ein paar Freunde und der Rest der Familie gefehlt, die uns am Abend besucht haben. 

Das Gespräch führte Alexander Pradka

Kurzvita

Knapp viereinhalb Jahre ist Katja Jungfermann bereits bei BabyOne, seit gut zwei Jahren in der Funktion als „Head of Legal“. Sie kennt aber auch die Tätigkeit in einer mittelständischen Kanzlei, sie arbeitete für CLP Rechtsanwälte und für WR Legal, jeweils in Düsseldorf. Dort schätzte sie die Vielfalt der Mandanten und der Bereiche, mit denen sie in Berührung kam. Auch der tiefergehenden juristischen Arbeit konnte sie etwas abgewinnen. Am Unternehmen mag sie, dass sie die Auswirkungen ihrer Arbeit hautnah mitbekommt, dass sie gestalterisch tätig sein kann, Prozesse aktiv verändern kann, Angelegenheiten über lange Zeiträume begleitet. Zurzeit ist sie die einzige Volljuristin in der Rechtsabteilung von BabyOne. Studiert hat sie an der Universität Münster und sie verfügt über den Master European Private Law von der Universiteit van Amsterdam.

Beitrag von Alexander Pradka

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