„Die Rechtsabteilung der Zukunft setzt nicht den letzten Haken in der Freigabekette – sie gestaltet ihre Architektur mit.“

Von der Beauty-Welt in die Infrastruktur, vom Trusted Legal Advisor zum Business Executive: Johanna Maria Fischer, Group General Counsel von HOCHTIEF, spricht über den Vorteil eines branchenfremden Blicks, Legal als Teil der Wertschöpfung und darüber, warum im KI-Zeitalter Urteilskraft und menschliche Verbindung an Bedeutung gewinnen.
vom 11. September 2026
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Du hast einmal beschrieben, dass sich Deine Rolle vom „Trusted Legal Advisor“ zum „Business Executive“ entwickelt hat. Was bedeutet dieser Perspektivwechsel für Dich?

Für mich liegt der Unterschied in einem Verb: Als Advisor berate ich – als Executive gestalte ich. Der bequemste Platz für eine Juristin ist der Beifahrersitz: Man berät, warnt, gibt sein Votum ab – und wenn es schiefgeht, saß man wenigstens nicht am Steuer. Diesen Platz habe ich bewusst verlassen. Als Executive treffe ich Entscheidungen mit und lebe mit den Folgen. Dadurch lautet die erste Frage nicht „Ist das rechtlich sauber?“, sondern „Was wollen wir als Unternehmen erreichen und welches Risiko gehen wir bewusst ein?“ Juristische Exzellenz ist dabei das Fundament. Als Group General Counsel bin ich aber Generalistin und Mitgestalterin mit Verantwortung für das Ganze. Recht ist für mich kein Kontrollpunkt, sondern ein Werkzeug für bessere unternehmerische Entscheidungen.

 

Bei Deinem Start bei HOCHTIEF hast Du betont, dass Legal Leadership die Zukunft eines Unternehmens aktiv mitgestalten kann. Was braucht es, damit Legal nicht als Gatekeeper, sondern als strategischer Sparringspartner des Business wahrgenommen wird?

Gatekeeper bedeutet: ein Türsteher, der entscheidet, wer rein darf. So möchte ich nicht arbeiten – und so entfaltet Legal auch keinen Wert. Ich bin überzeugt, dass Legal ein unterschätzter Katalysator für Veränderung im Unternehmen ist. Entscheidend ist, früh dabei zu sein. Wenn wir von Anfang an mit am Tisch sitzen, können wir Risiken benennen und Leitplanken setzen, innerhalb derer das Business mutig handeln kann. Standardisierbares muss so einfach verfügbar sein, dass niemand dafür anrufen muss. Dann bleibt Raum für Orientierung, Urteil und Sparring. Enabler zu sein bedeutet aber nicht, Everybody’s Darling zu sein. Gute Legal Leadership heißt auch, im richtigen Moment „Stopp“ zu sagen. Ein Sparringspartner, der immer nur nickt, ist keiner.

 

Du hast vor Deinem Wechsel zu HOCHTIEF fast zehn Jahre in der Retail- und Beauty-Branche gearbeitet. Was hat Dich an der Bau- und Infrastrukturbranche gereizt – und was hat Dich dort überrascht?

Als ich gewechselt bin, habe ich es mit einem Augenzwinkern kommentiert: „Creating beauty comes in many different forms.“ Die Branchen könnten kaum unterschiedlicher sein – und genau darin lag der Reiz. Ich kam nicht als Bau-Expertin, sondern mit Erfahrung in Matrixstrukturen, Digitalisierung und dem Umbau von Legal-Funktionen. Branchenkenntnis bleibt wichtig, ist auf Führungsebene aber nicht die einzige Währung. Ein unternehmerischer Blick von außen, Anpassungsfähigkeit und Erfahrung in der Organisationsgestaltung können ebenso wertvoll sein – und genau darin sehe ich eine Stärke meines bisherigen Weges.Überrascht hat mich, wie offen ich aufgenommen wurde. Viele hatten mir prophezeit, dass es in einer traditionell eher männlich geprägten Branche schwer werden könnte. Erlebt habe ich das Gegenteil: Es gab echte Neugier auf neue Perspektiven. Digitalisierung, Energiewende und moderne Infrastruktur verändern HOCHTIEF grundlegend. Ein Unternehmen im Wandel hat Hunger auf frische Sichtweisen – und genau das macht Spaß.

 

Was liegt bei Dir aktuell auf dem Schreibtisch?

Mich beschäftigt eine fast grundsätzliche Frage: Wie schaffen wir es, dass Recht dort passiert, wo das Business passiert? Legal sollte möglichst selten die letzte Station eines Prozesses sein. Viele Leitplanken, Freigaben und Standardfragen lassen sich früher direkt in Geschäftsprozesse integrieren – über gute Prozesse, verlässliche Daten und zunehmend KI. Wir verankern etwa Vertragsstandards direkt im Angebots- und Projektprozess. Der Jurist muss nicht mehr der letzte Haken in einer Freigabekette sein, sondern ihre Architektur mitgestalten. Das schafft Freiraum für Fälle, in denen es auf Urteil, Risiko und Strategie ankommt. Ich will Legal gar nicht davor bewahren, wie ein Cost Center behandelt zu werden. Wir sollten uns genauso professionell steuern wie jede andere operative Einheit – mit Budgets, KPIs und klarer Ressourcensteuerung. Wenn wir vom Business unternehmerisches Denken verlangen, dürfen wir bei uns selbst nicht weniger unternehmerisch sein. Kurz: weniger Legal als nachgelagerte Freigabestelle, mehr Legal dort, wo Wertschöpfung entsteht.

 

HOCHTIEF ist ein internationaler Konzern mit komplexen Großprojekten. Wie gelingt es einer globalen Rechtsfunktion, Risiken frühzeitig zu erkennen, ohne unternehmerische Entscheidungen auszubremsen?

Eine einzelne Person kann in einem Konzern mit Großprojekten auf vier Kontinenten nicht alle Risiken im Blick behalten. Deshalb setze ich auf ein Sensorennetzwerk: ein starkes internationales Team und den permanenten Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, Peers und externen Netzwerken. Gerade bei geopolitischen oder regulatorischen Verschiebungen ist diese kollektive Intelligenz Gold wert. Wichtig ist: Nicht jedes Risiko muss verhindert werden. Die Kunst besteht darin, Risiken richtig einzuordnen und zu priorisieren. Ein Nullrisiko-Anspruch würde jedes Geschäft lähmen. Entscheidend ist zu erkennen, welche Risiken wir vermeiden müssen, welche wir steuern können und welche wir bewusst eingehen. Dieses Fingerspitzengefühl kann keine Software ersetzen. So schützt Legal das Business, ohne es auszubremsen.

 

Du hast in Deiner Karriere viele Veränderungen erlebt – von Brexit und Pandemie bis hin zu Transaktionen und dem Branchenwechsel. Welche Fähigkeit brauchen Unternehmensjuristinnen und Unternehmensjuristen heute, um mit diesem schnellen Wandel Schritt zu halten?

Wenn ich mich auf eine Fähigkeit festlegen müsste: Anpassungsfähigkeit – und zwar als Kunst, sich schnell auf Neues einzustellen, Zusammenhänge zu begreifen und handlungsfähig zu bleiben, auch wenn noch nicht alle Antworten vorliegen. Solche Phasen nehmen einem die Illusion, alles kontrollieren zu können, und schenken dafür Gelassenheit und Vertrauen ins eigene Urteil. Mit KI wird das noch wichtiger. Wenn Maschinen unter anderem einen großen Teil der klassischen Wissensarbeit übernehmen, verschiebt sich unser Wert: Es zählt weniger, wer am meisten weiß, sondern wer aus Wissen die besten Entscheidungen macht – durch Urteilsvermögen, strategisches Denken und echte menschliche Verbindung. Je mächtiger die Technologie wird, desto wertvoller werden ausgerechnet die zutiefst menschlichen Fähigkeiten.

Das Gespräch führte Natalia Maucher.

Einblicke …

War Dein Berufswunsch schon immer Juristin?

Ehrlich? Nein. Ein Teil von mir wäre am liebsten Schriftstellerin oder Künstlerin geworden. Auch die Frage, wie Menschen funktionieren, hat mich immer fasziniert. Während der Pandemie habe ich deshalb nebenberuflich eine Ausbildung zum Life- und Business-Coach gemacht. Das klingt zunächst weit weg von Paragrafen – ist es aber nicht. Was all das verbindet, ist die Lust am Gestalten: an Strategien, Organisationen und vor allem mit und für Menschen. Vielleicht bin ich eine Juristin, die den Beruf ein Stück weiterdenkt.

 

Wenn wir Dich nicht bei der Arbeit antreffen, wo dann? Was machst Du gerne privat?

Was meine Akkus lädt, ist Neugier – neuer Input in jeder Form: Kunst, Kultur, ein gutes Buch, eine spannende Veranstaltung, Reisen oder Natur. Trotz vollem Kalender achte ich darauf, mir solche Freiräume zu nehmen: ein Wochenende mit meinen Freundinnen – und ja, ich stehe auch mal auf einem Festival und tanze. Diese kleinen Ausfahrten von der „Autobahn des Lebens“ mit Beruf, Familie, Kids und den eigenen Eltern sind mir wichtig. Sonst rauscht alles nur vorbei.

 

Was ist Deine bevorzugte Literatur?

Zuletzt habe ich „Demon Copperhead“ gelesen – das fand ich richtig gut. Ich liebe große, vielschichtige Geschichten, in denen man komplett versinkt. Die besten Bücher erkenne ich daran, dass ich sie nicht aus der Hand legen kann.

 

Apropos Hören: Welche Musik bevorzugst Du?

Mein Spotify-Jahresrückblick verpasst mir zuverlässig ein musikalisches Alter von etwa 80 Jahren – es ist also einiges von früher dabei. Und trotzdem läuft bei mir gerade vor allem Elektro. Musik ist für mich pure Emotion – am Ende muss sie meistens eins sein: tanzbar.

 

Wir wissen, den perfekten Tag gibt es nicht. Wie sieht denn der fast perfekte Tag für Dich aus?

Er darf ruhig intensiv sein – ich mag das Gefühl, abends etwas bewegt zu haben. Was ich dagegen schwer aushalte, ist Gleichförmigkeit: dieses Hamsterrad, in dem man ständig beschäftigt ist und die Tage ununterscheidbar werden. Mein fast perfekter Tag hat von allem etwas: einen richtig guten Arbeitstag, Bewegung, Sonne, meine Familie, Freunde, gutes Essen – und ein Gespräch, das länger dauert als geplant. Ich brauche wohl weniger die perfekte Balance als das Gefühl, dass das Leben nicht an mir vorbeiläuft.

Kurzvita

Johanna Maria Fischer, LL.M., ist Group General Counsel von HOCHTIEF. Vor ihrem Wechsel in die Bau- und Infrastrukturbranche war sie rund zehn Jahre in der Beauty- und Konsumgüterbranche tätig – unter anderem bei L’Oréal sowie in verschiedenen Führungsfunktionen bei Natura &Co und The Body Shop. Als General Counsel verantwortete sie dort zuletzt sämtliche westeuropäischen Märkte, baute einen globalen Legal Hub auf und trieb Digitalisierungs-, Transformations- und Restrukturierungsprozesse voran. Anfang 2025 kam sie zu HOCHTIEF und übernahm zunächst die Leitung der Konzernrechtsabteilung, im weiteren Verlauf interimsweise auch die konzernweite Verantwortung für die Bereiche Data, Compliance und Vorstandssekretariat. Im Januar 2026 stieg sie zur Group General Counsel auf und führt seither die weltweite Rechts- und Compliance-Funktion des DAX-Konzerns.

Beitrag von Natalia Maucher

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