Was liegt bei Dir als General Counsel der Salzgitter AG aktuell auf dem Schreibtisch? Woran arbeitet ihr im Team derzeit konkret?
Das ist ein sehr breites Spektrum, weil wir viel von dem, was das Unternehmen betrifft, rechtlich begleiten. Die Salzgitter AG befindet sich seit rund drei Jahren im Zuge ihrer strategischen Ausrichtung in einer Phase aktiveren Portfoliomanagements. Wir beschäftigen uns also vermehrt mit M&A-Aktivitäten. Ein weiteres Thema sind unsere Governance-Strukturen, die wir regelmäßig prüfen und optimieren. Bei einigen Kunden beobachten wir insolvenznahe Situationen oder Insolvenzen. Folglich müssen wir intensiver in Neuverhandlungen von Verträgen eintreten. Wir haben zudem mittlerweile erste Anwendungsfälle der Drittstaatensubventionsverordnung. Im Schlussquartal 2025 schied unser Aufsichtsratsvorsitzender aus, wir waren in den Nachfolgeprozess involviert, da wir auch das Aufsichtsratsbüro verantworten. Das ist ein Sonderthema, zeigt aber auch unsere Bandbreite. Ende 2026 läuft die Nutzung unseres elektronischen Aktenverwaltungssystems aus: Im Rahmen eines größeren Projekts suchen wir gemeinsam mit den verschiedenen Spezialisten und Anwendern innerhalb unserer Abteilung ein Nachfolgeprodukt aus. Es ist essenziell, die Sichtweise aller Beteiligten zu berücksichtigen, um mit einem System zu arbeiten, das den Bedürfnissen aller Nutzer gerecht wird. Und wir werden uns verstärkt mit der Frage beschäftigen, inwiefern KI-Lösungen uns in unserer Arbeit unterstützen können.
Wie definierst Du Deine Rolle als General Counsel und inwiefern ändert sich die Rolle der Rechtsabteilung im Unternehmen?
Meine Position vereint drei Aspekte – Dienstleistung, Governance, Strategie: Zum einen bin ich Dienstleister gegenüber meinen direkten Mandanten, in erster Linie sind das Vorstand und Aufsichtsrat. Ich bin zudem mitverantwortlich für die Einhaltung unserer Governance. Einerseits weise ich etwa darauf hin, wenn bestimmte Maßnahmen rechtlich zwar zulässig sind, aber internen Regularien wie den Konzernrichtlinien zuwiderlaufen könnten. Ich wirke dann darauf hin, dass diese eingehalten werden. In extremeren Fällen habe ich eine über die hinweisende oder koordinierende Funktion hinausreichende Aufgabe: Im Falle von Maßnahmen, die im Konflikt zum Gesetz stehen, ist es meine Pflicht, klare Grenzen zu setzen. Ich muss dann aufzeigen, mit welchen konkreten Risiken für das Unternehmen das Vorgehen verbunden wäre. Allerdings kommt es in der Praxis nicht vor, dass ich hier Kämpfe ausfechten müsste, da die Compliance-Kultur in unserem Unternehmen sehr ausgeprägt ist. Und drittens sehe ich mich in der Rolle des strategischen Sparrings-Partners in Gesprächen mit dem Vorstand und den Kolleginnen und Kollegen. Das ist eine Schnittstellenfunktion, weil wir für alle wichtigen Bereiche Spezialisten haben, die interdisziplinär eng zusammenwirken, und ich unterstütze dabei, gemeinsame Lösungen zu entwickeln.
Die Stahlbranche sieht sich aktuell mit sehr vielen Herausforderungen konfrontiert, denken wir an die Energiekosten, an den Preisdruck, den Zollstreit. Wie beeinflusst das die Tätigkeit von Legal?
Unmittelbare Auswirkung haben die einzelnen Punkte weniger. Da sind die Fachabteilungen mehr gefordert. Beim Thema Zölle ist die Bedeutung der korrekten Incoterms gewachsen, die bei Kunden- oder Lieferantenverträgen vereinbart werden. Es ist für die wirtschaftliche Bewertung eines grenzüberschreitenden Geschäftsvorfalls noch wichtiger geworden zu wissen, wie hoch die Zölle bei bestimmten Produkten sind, und zu regeln, wer diese zu tragen hat. Ich erwarte von Juristen, dass sie ein Risikoverständnis haben und entsprechende Hinweise liefern können. Auch da lege ich großen Wert auf die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Fachabteilung und Legal. Was wir aber schon merken: In Zeiten der Unsicherheit, der wirtschaftlichen Herausforderungen, denen insbesondere die Industrieunternehmen gegenüberstehen, wird mit härteren Bandagen verhandelt und versucht, Risiken zu mitigieren. Vertragsverhandlungen gestalten sich arbeitszeitintensiver.
Inwiefern verändert der Transformationsprozess zur sogenannten „grünen“ Stahlproduktion die Arbeit von Legal?
Die Salzgitter AG befindet sich bereits mitten in diesem Transformationsprozess, dessen Ziel die nahezu CO2-freie Stahlerzeugung ist. Das Projekt nennt sich SALCOS, das steht für ‚Salzgitter Low CO2 Steelmaking‘. Dabei ist die Rechtsabteilung an vielen verschiedenen Stellen eingebunden. Das betrifft schon den Rohstoff- und Energieeinkauf, den Aufbau komplett neuer Produktionsanlagen für die grüne Route. Wir haben mit dem Einkauf von Anlagen und von Bauleistungen zu tun, wir beschäftigen uns mit dem Beihilfe- und Fördermittelrecht. Markenrechtliche Aspekte spielen ebenfalls eine Rolle. Gemeinsam versuchen wir, neue Wege einzuschlagen und mit anderen Unternehmen eine partnerschaftliche Zusammenarbeit zu verwirklichen. Wir werden in Zukunft mehr Strom benötigen, das soll aber ‚grüner‘ Strom sein. Diesen beziehen wir von bestimmten Produzenten, beispielsweise Offshore-Windparkbetreibern. Diese beliefern wir im Gegenzug mit Stahlprodukten aus unserer grünen Route. Wenn nach bestimmter Zeit Anlagen abgebaut werden, nehmen wir den Stahl zurück und führen diesen erneut in den Stahlherstellungsprozess ein. Stahl lässt sich beliebig oft wiederverwenden. Das ist ein echtes Kreislaufsystem, das sich so viele wünschen. Einen ähnlichen Ansatz verfolgen wir übrigens auch mit der Automobilindustrie.
Vor Deiner Zeit bei Salzgitter warst Du länger bei OSRAM. Was fasziniert Dich, im industriellen Umfeld tätig zu sein?
Ich bin zwar kein Ingenieur aber ein eher haptisch veranlagter Mensch. Mir macht es Spaß, zu sehen, dass in dem Unternehmen etwas zum Anfassen entsteht. Was die Größe des Unternehmens betrifft, empfinde ich es als sehr vorteilhaft, dass wir auf der einen Seite breit genug aufgestellt sind, dass jeder Mitarbeiter sich auf bestimmte Bereiche spezialisieren und dort ein sehr hohes Niveau an Fachkompetenz sicherstellen kann, ohne den Blick über den Tellerrand zu verlieren. Auf der anderen Seite sind wir nicht so groß, als dass der persönliche Kontakt verloren ginge und wir uns in endlosen Abstimmungs- und Freigabeschleifen verstrickten. Wir sind da sehr effizient und nah am Geschäft.
Einblicke …
War Dein Berufswunsch schon immer Jurist? Oder gab es einmal eine andere Vorstellung?
Ursprünglich war es mein festes Ziel, Musiker zu werden. Bevor ich zum Jurastudium gewechselt bin, habe ich Geige studiert. Nach drei Semestern habe ich abgebrochen. Über Sportler und Musiker wird gesagt, dass sie in der beneidenswerten Situation seien, ihr Hobby zum Beruf gemacht zu haben. Ich habe während des Musikstudiums zunehmend den Eindruck gewonnen, dass ich mein Hobby verliere, deshalb habe ich mich nach Alternativen umgeschaut. Rückblickend kann ich sagen, dass ich diese Entscheidung nie bereut habe. Musik mache ich nach wie vor intensiv in meiner Freizeit.
Damit ist die nächste Frage schon fast beantwortet: Wenn man Dich nicht am Schreibtisch findet, wo dann, was machst Du in der Freizeit?
Wenn man mich nicht bei der Arbeit antrifft oder eben am Notenpult, dann am ehesten in der Küche beim Kochen, beim Essen mit der Familie oder mit etwas bedrucktem Papier in der Hand in einem gemütlichen Sessel.
Wenn Du schon das bedruckte Papier ansprichst: Was ist Deine bevorzugte Literatur?
Da wechsle ich ab zwischen Romanen und wissenschaftlichen, überwiegend historischen Büchern. Das hängt von meiner jeweiligen Gefühlslage ab. Allerdings lese ich nie mehrere Bücher gleichzeitig, immer eines nach dem anderen, um dem jeweiligen Werk die gebotene Aufmerksamkeit widmen zu können. Aktuell liegt ‚Auf der Suche nach der verlorenen Zeit‘ von Marcel Proust neben meinem Lesesessel.
Vom Lesen zum Hören: Welche Musik lenkt Dich ab?
Der Kern, für den ich brenne, ist die Musik aus dem deutschsprachigen Kulturraum aus dem Zeitfenster zwischen 1700 und 1900, mit angrenzenden Gebieten, sowohl geografisch als auch zeitlich gesehen.
Wir wissen, den perfekten Tag gibt es nicht. Wie sieht Dein fast perfekter Tag aus?
Morgens ohne Wecker aufwachen, mit der Familie frühstücken, zwei Stunden Kammermusik machen, ein bisschen rennen an der frischen Luft, lesen, abends mit Freunden und Familie auf ein schönes Konzert gehen und den Abend in einem gemütlichen Restaurant ausklingen lassen. Die Antwort gilt für 51 Wochen im Jahr. In Woche 52 geht es am Morgen mit dem ersten Lift in Wolkenstein in Südtirol hoch auf den Berg und abends nach dem letzten Lift wieder hinunter. Dazwischen: Skifahren, bis die Beine brennen!
Kurzvita
Seit fünf Jahren ist Dr. Nicolaus Ehinger Head of Legal, Compliance & Insurance bei der Salzgitter AG. Er leitet dort eine Abteilung mit gut zwei Dutzend Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Auch zuvor war er bereits in der produzierenden Industrie tätig, in unterschiedlicher Funktion agierte er knapp neun Jahre lang bei OSRAM in München, zuletzt von März 2016 bis April 2021 als Head of Legal Corporate & Finance. Ehinger verfügt auch über Kanzleierfahrung und war nach dem Berufsstart bei Freshfields als selbstständiger Rechtsanwalt bei HAARMANN, später dann für gut fünf Jahre bei VAN AUBEL & PARTNER. Studiert und promoviert hat Ehinger an der Georg-August-Universität Göttingen, das Referendariat führte ihn zum Kammergericht Berlin. Beim diruj gehört er dem General Counsel Leadership Circle an.
