„Es gibt kaum eine andere Rolle im Unternehmen, deren Verantwortung und Tätigkeitsvielfalt so stark gestiegen ist wie die des Chief Compliance Officers.“

Dr. Klaus Moosmayer ist seit Mai 2025 Aufsichtsratsmitglied bei der 
Deutschen Bank. Davor war er knapp sechseinhalb Jahre Mitglied des Vorstands bei Novartis und verantwortete dort die Bereiche Ethik, Risiko und Compliance. Das waren nach gut 18 Jahren bei Siemens, zuletzt als Chief Compliance Officer, noch einmal bemerkenswerte Karriereschritte.
vom 9. Januar 2026
image

Klaus, der Weg, den Du gegangen bist, ist für einen Juristen durchaus außergewöhnlich. Nimm uns in einem Rückblick darauf ein Stück mit.

Klaus Moosmayer: In der Tat habe ich ganz klassisch das Jurastudium absolviert und später im Wirtschaftsstrafrecht promoviert. Sehr intensiv, aber auch kurz, war die Zeit als Strafverteidiger. Dort habe ich unter anderem erlebt, wie sich Compliance-Themen persönlich auf Manager und vor allem die Menschen mit ihren Familien auswirken. Es ist prägend, Menschen in Untersuchungshaft zu betreuen und mitzubekommen, wie sie aus ihrem gewohnten Leben herausgerissen werden. Trotzdem und bei allem vorhandenen Respekt vor Strafverteidigerinnen und Strafverteidigern wollte ich das nicht ein Leben lang machen. Ich entschied mich für eine Fortsetzung meiner Karriere als In-house-Jurist und bin bei Siemens dann Ende 2006 mitten in die große Korruptionsthematik geraten. Ich entschied für mich damals, Teil der Lösung sein zu wollen und habe gemeinsam mit amerikanischen Anwältinnen und Anwälten, amerikanischen Behörden und der Weltbank Korruptionsaufräumarbeit geleistet. Das war der Grundstein für die spätere Tätigkeit als Chief Compliance Officer. Ich habe mich dann aber gefragt, ob es wirklich sinnvoll ist, Compliance isoliert zu sehen oder ob es nicht zielführender wäre, sie größer zu denken. Bei Novartis war sie gemeinsam mit Ethik, Risiko- und Krisenmanagement und Governance in einem Vorstandsressort eingebettet. Es hat mich sehr erfüllt, hier ein umfassendes System aufzubauen, in dem diese Themen gebündelt behandelt werden. Dort hat mich wiederum zunehmend die Governance und die Frage, wie sich Unternehmen gut strukturieren lassen, fasziniert. Dazu kam, dass ich lange operativ Verantwortung getragen habe und mich die überwachende Funktion, die Aufsichtsratsperspektive, immer mehr gereizt hat. Nach der Wahl in den Aufsichtsrat der Deutschen Bank freue ich mich jetzt über mein neues Aufgabengebiet, neben meinen anderen Tätigkeiten in der Lehre und Beratung.

Es liegt ein besonderer Reiz darin zu beobachten, wie andere die vielfältigen Herausforderungen stemmen, vor allem mit dem großen Erfahrungsschatz, den sie selbst aufgebaut haben?

Es ist sehr interessant, als Aufsichtsrat zu sehen, wie die vielen Unternehmen mit den unterschiedlichen Themen umgehen. Es gibt aus Governance-Sicht Aspekte, die branchenunabhängig eine wichtige Rolle spielen, es gibt aber auch branchenspezifische Herausforderungen. Ich habe drei größere Bereiche kennengelernt, bei Siemens Technologie, bei Novartis Pharma und bei der Deutschen Bank nun die Finanzwelt. Die Regulierung ist in allen drei Bereichen enorm, aber auch extrem unterschiedlich ausgestaltet und wir haben es mit vielen verschiedenen Aufsichtsbehörden zu tun. Ich empfinde es so, dass die Tätigkeiten als Vorstand und nun als Aufsichtsrat meine Compliance-Karriere abgerundet und erweitert haben. Und ich habe in der Lehre die Möglichkeit, meine Erfahrungen weiterzugeben.

Du sprichst Deine Tätigkeit an der Universität St. Gallen an. Wie bringst Du jüngeren Menschen ein komplexes Thema wie Corporate Governance näher?

Tatsächlich ist es toll zu sehen, dass dieses Thema auch für Menschen mit Anfang 20 sehr spannend sein kann. Wir haben Studierende aus dem juristischen und wirtschaftswissenschaftlichen Bereich und mit ihnen Case-Studies und Workshops durchgeführt. Der hohe Praxisbezug hat für Begeisterung gesorgt und das Engagement war beeindruckend. Hier wächst die nächste Generation von Governance- und Compliance-Verantwortlicher heran und ich bin sehr zuversichtlich, was die Qualität angeht.

Die Compliance gehört im rechtlich und betriebswirtschaftlich geprägten Segment sicher zu den Bereichen, die sich in den vergangenen Jahren mit am meisten verändert haben.

Vor rund 20 Jahren war das im Prinzip Antikorruptions-Compliance. Dann kamen Themen aus dem Kartellrecht hinzu. Jetzt umfasst Compliance deutlich mehr, hinzugekommen sind der Datenschutz, Exportkontrolle, Themenbereiche aus dem Risikomanagement. Oder nehmen wir die Lieferkettencompliance mit der Beachtung von Menschenrechten, gerade auch was dritte Parteien angeht. Aktuell müssen Unternehmen zusätzlich einen verantwortlichen Umgang mit Künstlicher Intelligenz bewerkstelligen, ohne dass die Motivation zur Innovation darunter leidet.

Wie beurteilst Du die Initiativen der Gesetzgeber mit konkretem Bezug zur Compliance, sowohl auf nationaler wie auch auf europäischer Ebene?

Prinzipiell ist gegen Regulierung nichts einzuwenden. So simpel es klingt, es muss eine gute Regulierung sein, und daran hapert es. Der erste Aspekt: Regulierung sollte immer risikoorientiert stattfinden. Unternehmen müssen die Chance haben, danach zu differenzieren, wo ihre Hauptrisiken liegen und wo kleinere Risiken vorhanden sind, um ihre begrenzten Ressourcen entsprechend zu verteilen. Diese Chance haben sie meiner Meinung nach nicht. Der zweite Punkt, der mich stört, ist das sogenannte Goldplating, und zwar schon auf europäischer Ebene. Ausführungsregelungen zu Richtlinien und Verordnungen machen es für Unternehmen, die das letztlich praktisch umsetzen müssen, unheimlich komplex. Der Hinweisgeberschutz ist ein Paradebeispiel. Jedes gute Compliance-System verfügt seit Jahrzehnten über Policies und eine Hotline, aber jetzt mit der neuen Regulierung ist der Aufwand zur Umsetzung aus dem Ruder gelaufen. Nach wie vor wird viel zu bürokratisch gedacht. Nicht falsch verstehen: Es ist nicht gemeint, etwa aus Gründen einer angeblich sinkenden Wettbewerbsfähigkeit die Standards zu senken. Wir brauchen bessere, praxisorientiertere Lösungen, die wir unter anderem über einen offeneren Dialog zwischen Politik und Wirtschaft erreichen.

Machen wir einen Schwenk von der Compliance zur Dachstruktur, die darüber steht und neben Compliance auch Legal und weitere Themen unter sich vereint. Was macht eine „gute“ Corporate Governance aus?

Eine gute Corporate Governance zeichnet sich durch klare Verantwortlichkeiten und transparente Entscheidungswege aus. Das betrifft die interne Organisation. Für mich ist aber wichtig, dass Governance über die Unternehmensgrenze hinaus gedacht und interpretiert wird. Wir müssen eine Antwort darauf geben können, welche Rolle ein Unternehmen in der Gesellschaft innehat und welchen Wertbeitrag es leistet. Das Mindeste ist die Einhaltung des No-Harm-Prinzips, es sollte zumindest keine Schäden anrichten. Bei großen Themen wie Antikorruption muss es für alle Unternehmen ein klares und gelebtes Bekenntnis geben. Es muss Klarheit herrschen, dass neue Technologien sinnvoll, insbesondere auch im Sinne einer gesellschaftlichen Norm, eingesetzt werden.

Einblicke …

War es immer Dein Wunsch, in den Bereichen Recht und Compliance zu arbeiten oder gab es auch einmal etwas anderes?

Ich komme aus einer Forstfamilie, über viele hundert Jahre waren wir eigentlich nur Forstleute. Ich wollte ursprünglich Geschichtsprofessor werden und bin erst durch den Rat eines Lehrers an der Offiziersschule zum Jurastudium gekommen.

Wenn man Dich nicht am Arbeitsplatz antrifft, wo dann?

Bewegung ist unglaublich wichtig. Zwar bin ich kein Leistungssportler, aber es ist immer wichtig für mich, hinaus in die Natur zu gehen, ob es ein Spaziergang mit dem Hund ist oder Nordic Walking, spielt keine Rolle. Ich versuche stets, Bewegung in den Alltag einzubauen und ich finde, eine dreiviertel Stunde oder Stunde pro Tag geht das trotz allen beruflichen Verpflichtungen immer.

Was ist Deine bevorzugte Literatur?

Zur Entspannung lese ich gerne Krimis. Bücher zur Geschichte sind immer interessant. Im Augenblick beschäftigt mich sehr die Idee des progressiven Kapitalismus von Nobelpreisträger Joseph E. Stieglitz, die er unter anderem in seinem Werk ‚Road to Freedom‘ darlegt. Ich bin selten das, was man als ‚Fan‘ bezeichnet, weil ich denke, dass wir immer differenzieren müssen. Aber das ist wirklich eine spannende Lektüre.

Vom Lesen zum Hören: Welche Musik lenkt Dich vom Alltag ab?

Ich bin offen für verschiedene Musikrichtungen, die Hauptsache ist, sie hat entspannende Wirkung. Hervorheben möchte ich Paolo Conte, hier bin ich wieder auf die alten Vinyl-Platten zurückgekommen, das ist wunderbare Musik zum Runterkommen.

Wir wissen, den perfekten Tag gibt es nicht. Wie sieht Dein fast perfekter Tag aus?

Für mich ist es sehr bereichernd, wenn ich mich mit jemandem, den ich bisher nicht kannte, vernetzen kann und der Austausch sowohl meiner oder meinem Gegenüber und mir in irgendeiner Form etwas gebracht hat, mein Netzwerk insofern einen wertvollen Zugang bekommen hat. Sport sollte ich gemacht haben und vielleicht noch etwas Gutes gelesen haben.

Das Gespräch führte Alexander Pradka

Kurzvita

Gut zwei Jahre war Dr. Klaus Moosmayer bei der Bundeswehr und wurde zum Reserveoffizier ausgebildet. Dort keimte auch die Idee, Rechtswissenschaften zu studieren. Nach dem erfolgreichen Abschluss arbeitete Moosmayer zunächst als Strafverteidiger, wechselte aber zügig zu Siemens. Für das Unternehmen war er insgesamt 18 Jahre und drei Monate tätig, zunächst als Corporate Legal Counsel, dann als Compliance Operating Officer und Chief Counsel Compliance. Ende 2013 bis Ende 2018 bekleidete er die Position des Chief Compliance Officer. Bei Novartis lenkte Moosmayer rund sechseinhalb Jahre die Geschicke als Mitglied des Vorstands, zuständig für Ethik, Risikomanagement und Compliance. Seit Mai dieses Jahres ist er Aufsichtsratsmitglied bei der Deutschen Bank. Er unterrichtet zudem an der Universität St. Gallen und ist Co-Vorsitzender des Global Future Council on Good Governance beim Weltwirtschaftsforum.

Beitrag von Alexander Pradka

Dies könnte Sie auch interessieren

Katja Jungfermann
„In einem Omnichannel-Unternehmen im Franchise-System ist Kommunikation statt Konkurrenz ein entscheidender Erfolgsfaktor“
Im Interview mit Katja Jungfermann lässt sich ihre Begeisterung spüren, für ein 
inhabergeführtes Familienunternehmen zu arbeiten, sie schätzt den engen...
KiaMaurer
„Umfang und Komplexität der Regulierung führen in großen Unternehmen zu grundlegenden Prozessveränderungen.“
Dr. Kia Maurer verfügt über langjährige Erfahrung in der Leitung großer, 
international aufgestellter Teams. Neben der Übernahme von Verantwortung 
und...
Viola Fromm
„Die exzellente Rechtsabteilung versteht das Business, ist Partner für rechtsichere, praxisgerechte Lösungen und denkt dabei auch über den Tellerrand hinaus.“
Dr. Viola Fromm hat laut eigener Aussage schon immer eine große Affinität 
zur Medienwelt. Medien in all ihrer Vielfalt und die spannenden Marktent-
wicklungen...