Was liegt zurzeit bei der CCO der BSH Group auf dem Schreibtisch? Mit was beschäftigen sich Du und Dein Team?
Wir haben neben verschiedenen ad-hoc-Angelegenheiten zwei große Standardthemen. Zum einen geht es um die Umsetzung unserer Bereichsstrategie in und mit dem Compliance- und Legal-Department. Wir bezeichnen das als „FutureForward Programm“. Ausgehend von Governance, Risk und Compliance – kurz GRC – legen wir fest, welche Produkte und Services wir aktiv mit den vorhandenen Ressourcen bespielen sollten. Das zweite Thema ist eng damit verwoben und soll die Frage beantworten, wie wir das umsetzen wollen. Da kommen Digitalisierung und Künstliche Intelligenz auf das Spielfeld.
Um den strategischen Punkt direkt aufzugreifen: Die BSH ist ein Unternehmen, das weltweit agiert und 57.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt. Wie schafft Ihr es, eine effektive Rechtsberatung sicherzustellen und einheitliche Compliance-Vorstellungen zu etablieren?
Wir haben das top-down geregelt und globale Standards festgesetzt. Typische Folge ist ein Gruppendilemma, das wir lösen wollten: Lokale Vertreterinnen und Vertreter können gegenüber einer aus der Zentrale festgelegten Grundordnung oder bestimmten Entscheidungen eine gewisse Skepsis entwickeln. Wenn ich ein effektives Risiko- und Compliance-Management erreichen will, muss ich die regionalen und lokalen Bedürfnisse berücksichtigen. Mir ist wichtig, einen Ansatz zu etablieren, der für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter passt und die kulturelle Vielfalt nutzt. Es ist essenziell, dass die Menschen sich kennen, gegenseitig ein Verständnis entwickeln. Deshalb lege ich großen Wert auf den persönlichen Austausch, im Alltag gerne bilateral oder in kleinen Gruppen. Für die gesamte Gruppe an Kolleginnen und Kollegen im Bereich haben wir unter anderem einen jährlichen virtuellen Summit aufgesetzt. Dort soll jeder auch aktive Parts übernehmen. Neben Keynotes und Formaten wie TED Talks gibt es daher Workshops, wo sich alle einbringen können.
Kommen wir zur Künstlichen Intelligenz. Wie ist da Euer Ansatz, was denkst Du darüber?
Wir müssen mit einem guten Risikoappetit ausloten, was möglich ist und zweckmäßig ist. Bei der BSH haben wir den Vorteil, dass wir über die „Startup Kitchen“ verfügen, eine Einheit, die uns dabei hilft, nach neuen Technologien und Ideen zu suchen. Es geht darum, frühzeitig sinnvolle Trends zu identifizieren und zu überlegen, wie wir diese nutzen können. Aktuell liegt mir zum Beispiel eine Riesenübersicht zu verschiedenen Tool-Anbietern für ein potenziell relevantes Thema vor. Ich sage ehrlich: Wenn ich hier ein detailliertes, umfassendes Proof of Concept durchführen will, bin ich ewig beschäftigt – dafür haben wir schlicht die Ressourcen nicht. Wir müssen auch den immensen Umsetzungsaufwand bedenken. Da ist die große Herausforderung, die Sweet Spots zu finden, das Investment in das Screening richtig zu definieren, Aufwand und Ertrag ins rechte Lot zu bringen. Der Ansatz aktuell sieht so aus: ausbalancieren, gute Screenings durchführen, effiziente Proof-of-Concepts etablieren und mit ein bisschen Mut und Fehlertoleranz ausgewählte Tools nutzen, insbesondere wenn es einen Weg zurück gibt.
Deinem LinkedIn-Profil ist die Selbstbeschreibung „Passionate Leader driven by the motivation to turn risks into opportunities“ zu entnehmen. Was meinst Du damit?
Da hole ich einmal etwas weiter aus: Anlässlich einer Leadership-Schulung vor einigen Jahren waren wir Teilnehmerinnen und Teilnehmer dazu gehalten, einen Slogan für sich selbst zu entwickeln, der das Lebens- und Arbeitsmotto widerspiegelt. Das mussten wir auch noch aufmalen. Ich empfand die Aufgabe als furchtbar, ich war auch nicht die einzige mit dem Gefühl. Spannend war, dass am Ende alle etwas gefunden hatten, mit dem sie happy waren. Bei mir ist die genannte Formulierung herausgekommen. Was meine ich damit? Ich bin bei BSH zuständig für das Enterprise Risk Management und ich arbeite mit Experten zusammen, die mich sensibilisiert haben: Eigentlich ist das der falsche Oberbegriff, es sollte „Abweichungsmanagement“ heißen. Und es gibt zwei Arten von Abweichungen: Negative stellen ein Risiko dar, positive eine Chance. Ich habe genau genommen nicht mehr den Risikoblick, sondern einen neutralen Blick für eine Abweichung. Ist diese negativ, kann und muss ich mir überlegen, was ich daraus mache. Ich versuche zu erreichen, dass die Kolleginnen und Kollegen das ebenfalls verinnerlichen und das Business unterstützen, die Abweichungen bestmöglich zu managen. Das geschieht am besten proaktiv und mit der Haltung, dass vielleicht auch eine Chance vorhanden ist, aus der wir etwas machen können.
Welche Herausforderungen kommen im Hinblick auf die Compliance auf Dich und Dein Department zu?
Wir stellen bereits eine veränderte gesetzgeberische Herangehensweise fest. Ursprünglich hatten wir das Straf- und das Ordnungswidrigkeitenrecht. Dann kam das Neubürger-Urteil, das skizziert hat, wie ein CMS aussehen soll, begleitet von Standards wie den IDW- oder ISO-Standard. Ich dachte, das ist das unsere Arbeit flankierende „Soft-Law“, aber jetzt bekommen wir zunehmend neue Gesetze. Und diese – nehmen wir als Beispiel die Datenschutzgrundverordnung – beschreiben nicht nur Primärpflichten, sondern auch Umsetzungsvorgaben. Das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz hat das weitergeführt, indem es dem BAFA umfassende Kompetenzen bei der Auslegung und Durchsetzung des Gesetzes beigemessen hat. Das alles führt dazu, dass Rechtsberater mittlerweile auch Compliance-Berater sein müssen, die ein umfassendes Verständnis von Compliance Management Systemen haben sollten.
Wie wichtig ist es für Dich, bei einem namhaften Unternehmen in der speziellen Branche zu arbeiten?
Ich bin nicht in einem besonderen Maße technik- oder produktionsaffin. Zur BSH zu gehen, war für mich insoweit eine logische Entwicklung, weil ich mehrere Jahre im Siemens-Korruptionsverfahren einen betroffenen Vorstand mitberaten habe. Einerseits bin ich dem Siemens-Konzern damit sehr nahe gekommen, und die BSH, damals noch im Joint Venture mit Siemens, hat für mich sehr gut gepasst und sich wie eine Fortsetzung angefühlt. Und der Umstand, dass wir großartige Geräte produzieren und vertreiben, die jeder zu Hause hat, die greifbar und nutzbar sind, das macht mir großen Spaß. Wo immer ich hingehe, schaue ich, welche Geräte die Menschen daheim haben und challenge das auch ein bisschen (lacht). Ich mag unsere Mission: We improve quality of life at home.
Das Gespräch führte Alexander Pradka
Einblicke …
War Dein Berufswunsch schon immer Juristin?
Nein, wir hatten in der Familie mit Juristen gar nichts zu tun. Eigentlich hatte ich vor, zwei meiner Lieblingsthemen zum Beruf zu machen: Sport und Musik, gerne als Lehrerin. Das waren auch immer Mangelfächer und ich hatte Lust zu unterrichten. Als Fernsehmoderatorin im Sportbereich tätig zu sein, habe ich mir auch immer reizvoll vorgestellt, am liebsten im Fußball. Kreatives Schreiben hielt ich aber nicht für meine Stärke und das hätte ich für die Journalistenlaufbahn gebraucht. Jura kam erst spät!
Wenn wir Dich nicht bei der Arbeit antreffen, wo dann? Was machst Du gerne privat?
Ich bin am liebsten mit meiner Familie zusammen, mit meinem Mann und meinen sechs und neun Jahre alten Kindern. Ich singe in einem sehr guten, halbprofessionellen Chor, das geht mit regelmäßigen Proben und Konzertwochenenden einher. Ich bin zudem Vorsitzende in dem Chor. Ich besuche auch gerne Konzerte – und ich schaue mir Fußballspiele an, im Fernsehen und im Stadion. Ich bin leidenschaftlicher Fan des FC Bayern.
Was ist Deine bevorzugte Literatur?
Früher habe ich sehr gerne Romane gelesen, am liebsten von Thomas Mann. Ich bin immer noch Fan von ihm, aber jetzt habe ich keine Ruhe mehr für Romane dieser Art. Wenn ich die Zeit dafür finde, versuche ich mich an etwas leichterem Lesestoff, wobei es aber bei Romanen bleibt.
Vom Lesen zum Hören: Welche Musik bevorzugst Du?
Zum einen Klassik und Chormusik. Ich mag aber auch gerne Popmusik, zum Beispiel Robbie Williams. Indie läuft auch gelegentlich bei uns zu Hause, da bin ich aber nicht so festgelegt.
Wir wissen, den perfekten Tag gibt es nicht. Wie sieht denn der fast perfekte Tag für Dich aus?
Ich stehe regelmäßig früh auf und bin dann gerne auch ausgeschlafen. Dann würde ich Sport machen, zum Beispiel Schwimmen gehen. Danach käme ein spätes Frühstück oder ein frühes Mittagessen mit der Familie. Auch der Nachmittag würde der Familie gehören, dann am besten gemeinsam mit Freunden. Und am Abend stünde dann der Konzert- oder Stadionbesuch an oder ein schönes, gemeinsames Abendessen.
Kurzvita
Dr. Adriane Winter hat an der Universität Passau und an der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie im Freistaat Bayern ihre juristische Ausbildung absolviert. Für ein Jahr zog es sie zwischendurch an die Università di Bologna. Ihre berufliche Laufbahn führte sie zunächst in die Kanzlei: Von 2008 bis 2013 war sie bei Taylor Wessing und kümmerte sich um Kapitalgesellschaftsrecht, Corporate Litigation sowie Compliance. Im Anschluss war sie als Head of Global Compliance für die BSH Hausgeräte GmbH tätig. Seit Januar 2021 ist Dr. Adriane Winter Chief Compliance Officer und Co-Head Global Legal, Compliance, Risk und ICS bei der BSH Hausgeräte GmbH. Bei der ADI Akademie der Immobilienwirtschaft GmbH und bei der Munich Business School kümmerte sie sich als Dozentin um den juristischen Nachwuchs. Seit 2024 gestaltet sie den diruj-Lehrgang „Internal Investigations“ mit.
